Der Kloß wich Schritt für Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hände und Körper; es war als sei er mit Rost überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Züge erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen überaus langen Armen winkte er den Dienern, die brachten nun Säcke voll Gold und Edelsteinen und schütteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies und in strengem Ton sagte: Das für unsere Töchter? Das für unsere Söhne? Für unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter?
Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brüder! Unsere Söhne! Unsere Länder! Du in Ewigkeit Verruchter!
Olivia hatte die Augen offen und sah und hörte alles so wirklich, als ob sie im Theater säße.
Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablässig; wo soll ich hin, wo kann man noch leben, wo ist es noch möglich, zu lächeln, wo ist noch Freude, wie kann je wieder Freude entstehen?
Sie wünschte, sich verwandeln zu können. Als sie von fern durch die Glaswand der Treibhäuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und innig, bewußtlos hinzudämmern, mit zartesten Fasern an die Natur gebunden!
Daß man Blume werden könne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und beglückende Idee für sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein letztes Asyl.
Sie erhielt die Nachricht, daß ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Tröstung fähig saß sie zu Hause vor der versteinerten Mutter.
Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen.
»Dazu muß man Kinder haben, dazu sie aufziehen,« sagte die unglückliche Mutter mit Augen ohne Tränen; »zwanzig Jahre war er alt.«
Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: »Um Pfingsten herum werd’ ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man müßte dich mit Stricken auf ein Bett binden.«