Ein paar Tage später ging sie gegen Abend in seine Kammer. »Schau’ dich nach der Mutter um,« bat sie, »ich kann meinen Platz nicht verlassen.«
»Ja, du bist wichtig,« pflichtete er ihr voller Hohn bei, »oder du glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten ihre Toten beklagen zu helfen.«
»Wozu also taugst du?« konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und ihr Blick flammte. »Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in unserm Land, daß sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist kein Ruhm damit zu holen.«
Er lachte sonderbar. »Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, räum’ ich dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen,« entgegnete er und ließ, beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hängen; »nur nicht diese wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im Überschmerz. Ich werde verrückt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.«
Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. »Du bist sehr einsam,« sagte sie.
»Ich will ja deine Mutter besuchen,« lenkte er ab, unangenehm berührt von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Kühle, »aber sie hat nichts von mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schließlich allen im Wege, auch mir selbst.«
»Du bist sehr einsam,« wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war plötzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte.
»Nun ja,« stotterte er, »was weiter?«
»Einsamkeit ist eine Todsünde, Robert.« Sie trat einen Schritt näher vor ihn hin und sagte: »Deine Einsamkeit ist Todsünde.«
»So nimm sie mir weg,« versuchte er düster zu scherzen. »Bekehre mich, vielleicht gelingt’s, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel. Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht?« brach er aus und bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen. »Auch Blindheit kann eine Todsünde sein,« murmelte er völlig verstört, »genau so wie Einsamkeit.«