Die Bestürzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer empfunden, aber daß er sie nun zur Verantwortung ziehen würde, hatte sie nicht erwartet.

So weit sie auch zurückdachte, er war die herrschende Gestalt in ihrem Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht gänzlich zu verfallen, war sie ihm schon gänzlich verfallen.

Sie hatte aber nie aufgehört, ihn Freund zu heißen. Ja, es war der erfahrene, wohlgesinnte, starke, verläßliche Freund gewesen, sogar in den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte, nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch. Und das Wissen um seinen Haß und Abscheu war nur ein Ansporn geworden, so zu erglühen, daß der Eispanzer um seine Brust schmelzen mußte.

›Auch Blindheit kann Todsünde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist?‹ Dieses Wort vernichtete wie ein zündender Blitzstrahl alles, was sie um sich her gebaut hatte.

Nur zu deutlich hatte sie die Not gefühlt, in der er es ihr entgegenschrie. Also war er überzeugt, daß sein Vorwurf und der Anspruch, den er erhob, zu Recht bestünden? Daß sein Schicksal, er das ihre wäre? Unbeseelt und mißverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man einen Boten benutzt oder einen Führer, und hatte seine Gaben, sein hingeströmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine wertlose Münze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig Sinn und Phantasie war in ihr, daß sie ihn im Dunkeln hatte tappen lassen Jahr für Jahr und er mit getäuschtem Herzen zum Verräter werden mußte an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mühevollen Weg. Und sie hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten überdauert, die in kurzem Glücks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren. Geträumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren.

Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: »Man erzählt, daß der Hofrat Lamm um Sie wirbt.« Sie hatte den Kopf zurückgeworfen und mit aufsteigender Blässe in den Wangen erwidert: »Wenn Robert Lamm mich haben wollte, hätte er nicht nötig, zu werben.«

Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen.

Plötzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trübungen abgewartet, um sie zu rufen im Angesicht einer blutüberströmten Welt. Geschah es, weil er nach einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder in der Verzweiflung über den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch außer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zärtlichkeit fühlte sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter verstanden.

An einem Nachmittag um die Dämmerungsstunde betrat sie das kleine Lese- und Sprechzimmer, das für die Genesenden eingerichtet worden war. Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie saß am Tisch und hatte den Kopf in die Hand gestützt. Trotz der Dunkelheit war an den Umrissen des schönen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging näher zu ihr hin. »Was ist mit Ihnen, Nina?« fragte sie, und als Nina Senoner erschrocken aufblickte, spürte Olivia die unheilbare Verstörung in diesem Gemüt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag.

Da machte Nina Senoner eine jähe Bewegung, schlang die Arme um Olivias Hüften und preßte das Gesicht gegen ihre Brust.