Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persönliches Wort auf dem Grund persönlichen Gefühls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem Schicksal auszukämpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand Reue. Sie legte die Hände wie schützend auf Ninas Haar. Die stolze, herbe Frau, die ungeachtet ihrer fünfunddreißig Jahre wie ein junges Mädchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhörlich zuckte ihr Körper.
Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu führen, wo sie ungestört sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit ihrem Taschentuch die Tränen auf dem weißen Gesicht. Sie fragte, fragte; hingebend, ja zärtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu überwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit, von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Kälte hatte sie allmählich in eine lebende Statue verwandelt; alles in ihr war erfroren, was Frauen erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung.
Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und der ihr ein vortrefflicher Gefährte war. Aber sein Los war die Arbeit, und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen, einen geräuschlosen Haushalt und angenehme Gespräche. Nina hatte viel Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Güte und Sorgfalt des Mannes war auf das Äußere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und blaß aussah, ließ er die teuersten Ärzte kommen und wachte darüber, daß deren Ratschläge befolgt würden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergültig betrachtet, und das strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glück zu besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte.
Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner überhaupt merkte, daß sich mit ihr eine Veränderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem bewunderten und beneideten Bild des Glückes passen wollte. Sie gehörte zu den Menschen, die selten über sich und ihren Zustand nachdenken, zu jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer häufiger vor, daß ein sehnsüchtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn in Schatten hüllten. Sie war gern allein; solche Stunden genoß sie tief; da verflog das Gefühl der Einsamkeit, und sie wurde fröhlich, wie sie als junges Mädchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfältigkeit zu; man drängte sich an sie; man wollte sie haben; man fühlte sich wohl in ihrem Haus und in ihrer Nähe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und reizte sie Männer wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche Stimmung, ihr sanfter Blick glättete alle Stirnen. Sie war immer verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gästen. Die zahllosen Ansprüche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz unmöglich. Es war eine Lawine, die selbsttätig anschwoll und ihre Seele unter sich begrub.
Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur künstlich und nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar kein Wille mehr, kein Entschluß und keine Freiheit. Es schien ihr, als habe man sie planmäßig und Schritt für Schritt ihres Eigenlebens beraubt und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon ausgelöscht war. Sie sah sich nur noch als Hülle ihres früheren Ichs, als Opfer von toten Dingen, als Erfüllerin von zwangvollen Pflichten, als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, daß sie auch Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplündert und ihr nichts übriggelassen hatten als einen müden Körper und ein freudloses Herz.
Ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit hatten viele Männer berückt; hochgestellte und geringe, alte und junge, berühmte und unbedeutende hatten für sie geschwärmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der Ferne begnügt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben gesucht; die Bemühungen der meisten hatte sie übersehen, und sie konnte dabei einen Hochmut entfalten, der gründlich erkältete; einige gab es, die sie eines vertrauten Gesprächs für würdig hielt, von denen sie Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflößte. Doch keinen einzigen hatte sie so begünstigt, daß er sich in besonderer Weise hätte ausgezeichnet finden dürfen, geschweige denn, daß sie sich ihm gegenüber etwas vergeben hätte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zählte die ungetreue Gattin zu den gewöhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung verspürt, und der Gedanke, ihren Gatten zu betrügen, auch nur mit einem Blick, mit einem Lächeln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen.
Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit Eigenschaften des Charakters, die je anziehender wurden, je länger man sich mit ihm beschäftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina, in der Mitte der Dreißig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhängigkeit seiner Gesinnung öffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu überschreiten sie zaghaft und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glücklich, hatte Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundsätze der sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen.
Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, daß ihre Züge anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer eigentümlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wußte sie, worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.
Der Freund vermochte es, ihr dieses Geständnis zu erpressen. Er vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, daß es noch nicht zu spät sei. Dies aus seinem Mund zu hören und immer wieder zu hören, beglückte und erschütterte sie. Sie verlor sich in dunkle Träumereien. Stumm lauschte sie den Worten des Mannes, den sie plötzlich mit einer Gewalt liebte, von der sie früher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so hätte sie doch niederknien mögen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge, ihre Gebärde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll Zärtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drängte nicht; er achtete ihr Gefühl, und seine besondere Art von Güte erstaunte sie bei einem Mann und machte ihn ihr täglich teurer, während der Kampf, der in ihr tobte, täglich ungestümer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hörte; sie wünschte zu sterben und begehrte heißer als jemals zu leben; alle Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prägte ihrem Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mußte sie auf der Hut sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von vielen.
Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mißbrauchen, war ihr entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und völlig im Bann der überlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran, den letzten Schritt zu wagen, bloß um die Qual zu beenden, bloß um dem Spender des Gefühls, das sie erfüllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette. Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund: »Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Der Ingenieur reiste ab. Nina erkrankte.