Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nächte, wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf, und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die sie bestimmte. Es konnte nicht häufig geschehen, aber von einem Mal zum nächsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwärmerei an ihn denken, sich seinen Gang vorstellen, sein Lächeln, seinen Gruß, und wenn sie ihn erwartete, schritt sie vom frühen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer und war totenbleich.
Aber die wenigen Stunden, die sie dann für einander hatten, wurden oft durch das Erscheinen Jeanettes gestört. Sie trat mit einem Scherz, einer Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mädchenhaftem Spott, bevormundete in ihrer gutmütigen und etwas derben Weise die Mutter, war anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte den Verdacht, daß sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt. Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus; war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen, so drohte ihre Rückkehr; sie war immer da, immer zu fürchten.
Allmählich verkörperte sie für Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das Antlitz der Tochter, so fühlte sie die unbarmherzige Forderung, die Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet hatten, empfand sie die ganze Nüchternheit und Dumpfheit ihres Daseins. Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergötterte, war ihr zugleich ein Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wächter vor ihrem Gefängnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft.
Sie geriet in Verwirrung und unsägliche Qual. Sie floh vor Jeanette und suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines Tages sagte die Achtzehnjährige zu ihrer Mutter: »Du bist mir ein Rätsel,« und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem Flehenden ihre Hand überließ, horchte sie mit emporgezogenen Schultern und abgewandtem Gesicht zur Tür. Er fragte, warum sie so vor dem Kind zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebärde als Antwort; wie von Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein Leben, die Lösung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob beschwörend die Hände. Er wollte sie umarmen, sie stieß einen Schrei aus und stellte sich schnellatmend mit dem Rücken gegen die Türe. »Sie würde mich bis ans Ende der Welt verfolgen,« sagte Nina flüsternd; »sie hat alle Macht, und ich habe keine.« Dieses wunderliche Wort ergriff den Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die Ahnung der Gefahr.
Einst standen sie in der Dämmerung nah’ beieinander am Fenster, da wurden rasche Schritte hörbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig: »Wie kann man sich nur so taktlos benehmen!« – »Aber Mutter!« rief Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte Zweifeln, verachtete die Dämmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu verkündigen und für sich einzustehen, sie erklärte sich für das Gerade, für die Helligkeit und für die Kraft.
Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen Jeanettes herausfühlte. Und er sagte es Nina. »Geh zu ihm oder geh zu mir,« schloß er; »zu einem mußt du gehen.«
Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief, dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, daß sie einen andern liebe. Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren. Zwei Tage und zwei Nächte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: »Ich bin deine Frau.« Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das sie in Ungarn besaßen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie häufig, sie war verändert, voll Zartheit und Rücksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun zufriedengestellt. Von dem Geliebten hörte sie erst wieder, als er bei Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gruß.
Heute hatte sie die Nachricht erhalten, daß er gefallen sei.
In das verstörte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein ließ aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen mußten. Olivia war so sehend geworden, so allfühlend, so mitschwingend; sie dachte auf einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz.
Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wußte und lebte, zum Kampf gegenübertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach, dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat wurde! Der ewige Hunger der Dämonen schrie nach Stillung.