Eine reuevolle Unruhe erfaßte sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrüttung menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um sein Recht zu fordern.
Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied übergeben hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drängte sie hin wie zu einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, daß auf dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen. Sie las: Zu öffnen von Olivia, wenn sie einmal spüren kann, was sie mir war.
Zaghaft streifte sie das Band herunter und öffnete die Rolle. Es kam eines der Porträts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, daß es ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das Gesicht war von solcher Schönheit, daß Zweifel sie beschlichen, ob es auch wirklich ihre Züge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche Bereitschaft, die Olivia fremd berührte und sie erröten ließ. ›Soll ich so gewesen sein?‹ fragte sie sich.
Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mußte sie auch so gewirkt haben. Dann mußte das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter; unwillkürlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und sie ihn fragen könne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu fragen.
Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurück. Da meldete man ihr, daß im Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier, der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde kamen, leidend angestrengte Züge hatte, erhob sich und fragte höflich, ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und fuhr fort: »Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt, Ihnen Grüße zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu versäumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission.«
»Wo ist Georg Ingbert?« erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme.
»Er liegt in Zawadow bei Strji.«
»Verwundet?«
»Schwer verwundet; so schwer, daß man ... daß man seinen Tod wünschen muß.«
Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hörbar: »Ich danke Ihnen. Sie haben mir einen großen Dienst geleistet.«