Olivia wußte nichts zu erwidern. Sie ging ins Haus, setzte sich an Mariannes Bett und nahm ihre Hand. Wäre es nicht dunkel im Zimmer gewesen, Marianne hätte ihre Blässe und Erregung merken müssen. Ingbert war auf der Bank geblieben, man hörte ihn eines der alten Lieder singen, die er liebte und in entzückender Weise vorzutragen wußte. Marianne preßte Olivias Finger; Olivia hatte ein selig hinziehendes Gefühl; sie wünschte, Ingbert möge sie holen und mit ihr weit fortwandern.

Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne nicht eröffnete, und wartete, daß sie sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah aber nicht, und Olivia zürnte Ingbert. Doch wenn sie Marianne ansah, die so kindlich hoffte, verstand sie seine Unschlüssigkeit. Er hatte etwas so Gütiges an sich, daß man billigen mußte, was immer er tat, und bald wurde Olivia gewahr, daß ihre Gedanken an ihn zum Verrat an Marianne wurden.

Indessen kehrte Eduard von seiner Reise zurück und brachte zwei Freunde mit; auch Freundinnen Olivias und Mariannes kamen zu Besuch. Es entwickelte sich eine lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert, Fahrten und Wanderungen unternommen. Eduard suchte bei jedem Anlaß Olivias Nähe, Ingbert und Olivia trieben wie durch eine unwiderstehliche Strömung einander im verborgenen zu; Marianne begann endlich zu ahnen und litt still, und Anita Gröger war der ruhlose Geist, der bisweilen verdüsternd durch die herzlich bewegte Kleinwelt zog.

Stiegen auch Schatten empor, für Olivia war alles noch ein Spiel. In der Luft von Leidenschaft und Begehren, Forderung und Abwehr, Spannung und Sehnsucht atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs und übte sich in jeder Kraft, die das Lebensgefühl erhöhte. Hier eine Getäuschte, dort ein Schwankender, hier eine Verblendete, dort ein Entflammter, sie stand immer in der Mitte und regierte; sie knüpfte Fäden und löste Fäden, verpflichtete sich zum Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte, ganz nach ihrem Gefallen.

Gegen Ende des Sommers, als die Gäste schon abgereist waren, verabredeten sich die Geschwister und Ingbert und Olivia zu einem Ausflug in die Dolomiten.

An einem Augustabend kamen sie müde und staubbedeckt vom Rosengarten her ins Karerseehotel, und als sie in die für Touristen bestimmte Wirtschaftsstube traten, bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um einen Tisch waren mehr als zwanzig junge Mädchen in Abendkleidern gruppiert; ein Herr, der den Frack ausgezogen und die Ärmel des Frackhemdes über die Ellbogen gestülpt hatte, bereitete in einer mächtigen Schüssel eine Bowle. Auf dem Tisch standen Champagner- und Weinflaschen, Gefäße mit Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem Ernst verrichtete der Herr seine Arbeit, mischte die Getränke, rührte mit dem Löffel, kostete mit einem andern Löffel, und immer, wenn ihm eines der Mädchen eine Flasche reichte, sagte er etwas, worüber alle in fröhliches Gelächter ausbrachen.

Sie kamen vom Diner und hatten die sogenannte Schwemme aufgesucht, um in ihrer Lustigkeit nicht gestört zu sein.

Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft nicht gekümmert hatte, schaute dann doch hinüber, fast ein wenig neidisch, und als die Gruppe auseinandertrat, weil die Gläser zum Einschenken gebracht wurden, erkannte sie in dem Mann an der Bowlenschüssel den Hofrat Lamm. Sie errötete vor Freude.

Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, aber er war unverändert. Trotz seiner fünfundvierzig Jahre war seine Gestalt noch jugendlich schlank, seine Haltung straff und sein Gesicht frisch.

Er warf einen seiner durchdringenden Blicke an den Tisch, wo die vier saßen, und erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte sich in seiner ironisch galanten Art, ohne besondere Überraschung zu zeigen, als hätte er sie gestern erst gesehen. Es verdroß Olivia, daß er nicht kam, um sie zu begrüßen; sie ärgerte sich über die jungen Mädchen, die ihn so zudringlich umschwärmten, und fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als er nach einer Weile das Glas gegen sie hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie kühl.