Eduard fragte spöttisch, wer der Hahn im Korbe sei, sie gab unwillig Auskunft, mußte aber plötzlich lachen, da sie eine sarkastische Bemerkung des Hofrats über eines der Mädchen aufgefangen hatte. Die andern Mädchen kreischten, jetzt kamen auch einige junge Männer hinzu, und die Gesellschaft wurde sehr lärmend. Der Hofrat hatte seinen Frack wieder angezogen, und plötzlich schritt er auf Olivia zu und reichte ihr die Hand.

Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei dem Namen Friesheim zuckte er sichtlich zusammen. Er nahm am Tische Platz, und obwohl er drüben die beste Laune gezeigt hatte, war er seit dem Augenblick, wo er sich an den Tisch gesetzt hatte, einsilbig und verstimmt. Mit gerunzelter Stirn stellte er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, verabschiedete sich steif und ging aus dem Zimmer. Die jungen Mädchen riefen ihm nach, aber er kümmerte sich nicht um sie.

Olivia war bedrückt wie schon lange nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen gehen, nahm ihren Rucksack und ließ sich von der Kellnerin in eine der Touristenkammern führen. Trotz ihrer Müdigkeit schlief sie schlecht. Schon um fünf Uhr stand sie auf und ging hinaus. Die Berge waren von der frühen Sonne umglüht, aus dem Wald strömte ein feuchter, kalter, harziger Duft. Sie ging über einen Wiesenweg und bog wie eine Trinkende den Kopf zurück.

Da schallte ein Gruß an ihr Ohr; sie drehte sich um und gewahrte den Hofrat. Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut stak ein reichbuschiger Gemsbart. Er glich nicht einem verkleideten Städter, sondern sah ganz urwüchsig aus, sehnig, robust, sonnegebräunt.

Er nannte ihr die welsch klingenden Namen der Gipfel und Gletscher, die gegen Süden lagen, und erzählte ihr von den Touren, die er gemacht. Er fragte, ob sie gefrühstückt habe, und als sie verneinte, gab er ihr eine Tafel Schokolade. Zuerst angeregt, schien er plötzlich wieder zerstreut. Dann beschämte ihn ein forschender Blick Olivias, und er zwang sich zum Reden. Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn geradezu nach dem Grund seiner gestrigen jähen Verstimmung.

Er bedachte sich kurz und antwortete, er habe schon davon gehört, daß sie fleißig im Hause Friesheim verkehre; die beiden jungen Leute, in deren Begleitung sie sich befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter des Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn dem so sei, fuhr er fort, erübrigten sich alle Erklärungen. Seine Stimme war schneidend, sein Blick finster. Olivia blieb stehen und schaute ihn erstaunt an.

Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich hoch; zur Linken fiel der Abgrund steil hinunter. Auf einmal fühlte sich Olivia von den Händen des Hofrats heftig an den Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft gegen die Tiefe gedrängt. Sie schrie erschrocken, ihr bestürztes Gesicht war ihm zugewendet; da ließ er sie los und lachte grimmig. »Es ist nicht viel anders, als wenn ich dich da hineinwürfe,« sagte er; »schlimmer noch. Mit solchen Menschen umgehen, das heißt, allen Anspruch auf Achtung verwirken und seinen Namen beflecken.«

Mit entsetzten Augen fragte Olivia. »Du hättest dich vorsehen sollen,« begann der Hofrat wieder; »eine Person wie du ist verpflichtet, Instinkt zu haben und nicht in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten ist. Dieser Mann, in dessen Gehege du so munter herumspazierst, ist einer unserer verderblichsten Praktikenmacher und Gelegenheitsjäger, ein Streber und Schleicher von einem Format, daß sogar unsere vielbesungene Gemütlichkeit keinen Reim mehr auf ihn zu finden weiß. Dieser Mann ist imstande, wenn sich zehn fähige Leute zu einem Posten gemeldet haben, ihn mit dem elften zu besetzen, der gänzlich unfähig ist, und nicht vielleicht aus Unwissenheit, nicht immer bloß deshalb, weil der elfte ein Freunderl oder der Freund eines Freunderls ist, sondern aus purem Vergnügen an der Unfähigkeit und aus Bosheit und Neid gegen die Fähigen. Dieser Mann ist einer von denen, die nie einen Richter brauchen, weil sie alles Recht so lange verschleppen, bis der Kläger erschöpft und kirre gemacht ist; einer von denen, die mit der Peitsche auf die Pferde einhauen, wenn der Wagen den Berg hinauf soll, und insgeheim den Hemmschuh ans Rad legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er ist mein Feind, er ist schlechthin der Feind; ihn unschädlich zu machen, habe ich schon meine beste Kraft verschwendet. Und nun geh hin und setz’ dich wieder an seinen Tisch und tu, als wüßtest du von nichts.«

Er hatte scharf und kalt gesprochen wie ein Sachwalter vor dem Tribunal. Olivia zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen Augen gleich einem gescholtenen Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, schleuderte ihn in den Abgrund und lauschte bis das Gepolter verklungen war. Dann lachte er.

»Warum lachst du?« flüsterte Olivia, ohne den Kopf zu erheben.