Nach einer Weile klopfte es an der Tür, der Knabe trat lautlos ein. Unschlüssig stand er zu Füßen des Lagers und schaute auf die Kranke, deren Wangen sich mit Scharlachröte bedeckten. Er fand sie schön; ihre Gegenwart erregte scheue Neugier in ihm, ihr Zustand stimmte ihn mitleidig. Abermals sagte er etwas in polnischer Sprache. Olivia riß entsetzt die Augen auf. Plötzlich schrie sie: »Gebt mir die Rosen!« und preßte die drei Rosen, die sie krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren Mund.

Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich hatten Rosen in seinem bisherigen Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie mußten ein Ziel eigensinniger Liebhaberei gewesen sein, vielleicht des toten Greises, der draußen im Sarg lag; nicht bloß die Kultur des Parks lenkte darauf hin, sondern auch die zerstörten Gemälde, auf denen fast ausschließlich Rosen dargestellt waren. Und da Olivia ihren Fieberruf wiederholte und immer wieder ekstatisch die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drückte, glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie aus irgendeinem Grund, den er nur noch nicht verstand. Rasch verließ er das Zimmer, und nach einigen Minuten schon kehrte er zurück, beide Hände voller Rosen, und warf sie auf das Bett.

Als er vernahm, daß die Fiebernde sich beruhigte, war er auch gewiß, das Rechte getroffen zu haben. Er ging noch einmal, dann ein drittes und viertes Mal. Schließlich hatte er so viele Rosen heraufgebracht, daß sie von der Bettdecke auf den Boden fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer und jenes noch, in dem der Tote lag, erfüllte. Danach ging er zu dem Toten hinaus, kam wieder zurück, lief zum fünften Male in den Garten und brachte wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und lächelte zufrieden, als er sah, daß die unbekannte Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen Haaren einen rührenden Eindruck auf ihn machte, nun stille war und die Augen geschlossen hatte.

Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; während sie schlief, wurde ihr Gesicht erst bleich und immer bleicher; von einem gewissen Punkt an kehrte aber die Farbe des Lebens zurück, als ob ein Traum von glücklicher und tätiger Zukunft die Seele jäh berührt hätte. Dieser Traum erzeugte ein Lächeln; das Lächeln schien das Blut, das schon verblaßte, neu zu röten. Verwandlung war in ihr; über ihr Verheißung eines Geistes aus verwandelter Welt.

Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der Erstveröffentlichung erstellt. Diese erschien in »Velhagen & Klasings Monatshefte«, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3, September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser Heftaufteilung. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

Transcriber’s Notes: This ebook has been transcribed from the first publication of the story, printed in “Velhagen & Klasings Monatshefte”, XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The page numbers jump according to the distribution of the story onto the three issues of the monthly periodical. The table below lists all corrections applied to the original text.