Männer und Weiber stürzten ins Freie; die vergrämten Gesichter waren grell vom Feuer beschienen. Aus der Menge aber löste sich eine auffallende Erscheinung; ein einfacher russischer Soldat, jedoch ein Riese von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich über Vierzig, trug keine Kopfbedeckung, und seine schwarzen Haare flatterten struppig um Stirn und Schläfen. Er ging langsam, mit wagrecht vorgestreckten Armen, und man sah an seinem Gang, daß er blind war.
Doch schwankte er nur wenig; er ging dicht an den brennenden Häusern entlang, immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. Die Funken prasselten um seinen Kopf, brennende Balken fielen dicht neben ihm nieder, aber durch keine Miene verriet er Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck war so mächtig, daß die Bauern, ihre Weiber und ihre Kinder ihm alsbald in Scharen folgten und sich dicht an ihn drängten, als ob sie in seiner Nähe gefeit wären.
Olivia blickte rundum: die nasse Erde rot, der sternenlose Himmel rot, und zwischen Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, brüllendes Vieh, winselnde Hunde und verzweifelte Menschen. Es wollte ihr scheinen, als käme der blinde Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu bringen, und je deutlicher sie sein Gesicht sehen konnte, je mehr wunderte sie sich über die unbeschreibliche, fast selige Ruhe darin. Gefährdeter konnte kein Mensch sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete ihm die Gefahr? Was galt ihm diese Stunde und die nächste? Obgleich in Olivia ein rätselhafter Wunsch war, daß er sie sehen möge, ein rätselhaftes Bedauern, daß er sie nicht mehr sehen konnte, war es ihr doch klar, daß nach allem, was er von dieser Welt gesehen, er glücklich zu preisen sei, daß er nichts mehr von ihr sah.
Sie wanderte den Weg zurück, verirrte sich jedoch. Ihre Erschöpfung wuchs, und sie konnte nicht mehr daran zweifeln, daß sie krank war.
Patrouillen begegneten ihr und riefen ihr etwas zu. Sie verstand nicht und antwortete nicht. Auf einem umgehauenen Baumstamm rastete sie eine Weile, dann schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. Sie kam zu einem offenen Parktor, ging hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das leer war. Durch die Baumwipfel sah sie die Umrisse eines großen Gebäudes.
Die Beine versagten den Dienst; sie schlüpfte in das Schilderhaus, kauerte sich nieder und hüllte sich fester in den nassen Mantel. Ein schlafähnlicher Zustand machte sie bewußtlos.
Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. Sie raffte alle Kräfte zusammen und trat ins Freie. Da bot sich ihren fieberheißen Augen ein unvermuteter Anblick. Fahler Frühsonnenschein war durch die Nebel gebrochen und fiel auf unzählige Beete und Sträucher voller Rosen. Lauter Rosen, über die ganze Fläche des Parks, in allen Farben der Gattung, soweit der Blick reichte. Dazwischen aufgeworfene Gräben, zertretener Rasen, zersplitterte Bäume. Sie trat zum nächsten Strauch; die Freude an den Blumen, erst wie eine überwältigende Erinnerung, verdrängte jedes andere Gefühl und steigerte sich zu leidenschaftlichem Verlangen. Voller Hast, ja fast gierig brach sie einige Rosen ab, ohne darauf zu achten, daß sie sich an den Dornen die Hände blutig riß.
Aber da ihr schwindelte und alles um sie zu tanzen begann, schritt sie dem Hause zu und trat in die Vorhalle. Es war eine geräumige Baulichkeit, einer der vielen adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein Mensch war zu sehen. Die Türen der Zimmer standen offen, und überall zeigten sich die Spuren böswilliger Zerstörung. Die Gläser der Spiegel lagen in Scherben auf dem Boden, die Möbel waren umgestürzt, das Porzellan zerschmettert, die Bücher aus den Regalen geschleudert und zerfetzt, die Bilder zerschnitten, die Wände mit Unrat beschmiert. Hier mochte sie nicht bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, stieg sie die Treppe hinauf. Sie rief, doch niemand antwortete. Da, als sie in einen Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte sie endlich einen Menschen. In der Mitte des sonst völlig leeren Raumes stand ein Sarg, darin lag ein Greis mit langem, weißem Bart; ein Kruzifix aus Silber ruhte auf seiner Brust, und an den vier Ecken des Sarges brannten vier Kerzen. Daneben aber saß ein Knabe von etwa vierzehn Jahren; er hatte tiefschwarze Haare, die über die blassen Wangen fielen; seine Augen waren traurig und voll Angst.
Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er erhob sich und redete sie polnisch an. Olivia verstand die Sprache nicht; da sie sich aber hinschwinden fühlte, machte sie eine bittende Gebärde und preßte die linke Hand gegen ihre Brust, in der der Atem flog. Der Knabe sah sie an und begriff; ihn hatte der Krieg frühzeitig über menschliches Leiden unterrichtet. Auf den Zehen, als könne der tote Mann noch gestört werden, ging er zu einer Tür, die er öffnete und wies auf ein Bett, das dort im Zimmer stand. Nicht zu verkennen, daß es das Schlafgemach einer Frau gewesen war; auf den Lehnen der Stühle hingen Frauenkleider, in einer Ecke standen Frauenschuhe; sonst deutete manches auf eine eilige Flucht hin.
Olivia schloß die Tür, als sie drinnen war, riß ihre nassen Gewänder vom Körper, stürzte förmlich in das Bett, wühlte die zitternden Glieder in die Kissen, richtete sich noch einmal auf und griff nach den Rosen, dann rang sie seufzend die Hände, spürte, daß ihr die Sinne vergingen, und freute sich darauf, nicht mehr denken und fürchten zu müssen.