Am Nachmittag darauf, nach fünfzehnstündiger, durch viele Hindernisse verzögerter Fahrt im Regen kam der Kraftwagen nach Drohobycz. Hier mußte Olivia eine andere Gelegenheit suchen, und der Bemühung des einen Offiziers gelang es, ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen zu verschaffen, der nach Zawadow fuhr. Hatte sie schon die Nacht und den Tag über vom Regen zu leiden gehabt, jetzt wurde es schlimmer; oft konnte der Wagen kaum vorwärts, so schwierig war es, den begegnenden Fahrzeugen und marschierenden Kolonnen auszuweichen. In langen Reihen schleppten sich Verwundete die Straßen heran; fern am Horizont umsäumte den düstern Himmel eine dunkle Glut. Überall waren Notbrücken, überall rauchten Trümmer, und der Erdboden war von tiefen Spalten und Löchern zerrissen.

Völlig durchnäßt war Olivia, als endlich der schüttelnde Wagen in der Nacht vor einem halbzerschossenen Haus einer Dorfstraße hielt. Ein freundlicher Korporal besorgte ihr ein Obdach, irgendwo in einem Bauernhaus, in dessen Flur sie über die Leiber schlafender Soldaten steigen mußte. Ein Strohsack hinter einem Verschlag bildete ihr Lager. Von den Bretterwänden troff das Wasser, die Luft war wie in einem Keller, Pferde stampften in der Nähe, sie schloß die Augen und dämmerte erschöpft hin, ohne schlafen zu können. Mit dem Morgengrauen erhob sie sich und fragte um den Weg nach dem Feldspital, in welchem sie Ingbert zu finden hoffte.

Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit hatte, ihr Rede zu stehen. Ein jüngerer Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen, daß Leutnant Ingbert tot sei. Gestern war er begraben worden. Olivia faßte die Kalkmauer mit den Fingerspitzen der einen, dann der andern Hand an. Es schien ihr, als springe ihr Herz vor Kummer.

Zu Hunderten kamen blutende Männer vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den Armen der Sanitätsleute, oder von Kameraden geführt. Der Kampf um Strji war mörderisch. Olivia half verbinden. Hier roch das Blut der Wunden wilder und frischer als fern in der Stadt. Die Ärzte nahmen einen um den andern vor, hatten unbewegliche Gesichter, kümmerten sich weder um Schreien und Stöhnen, noch um Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm froh, der zugriff. Auf dergleichen war sie nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen Reihen von Starrenden und mit dem Tode Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts gegessen. Auch fror sie beständig. Ein junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln, sie konnte nichts anrühren. »Na, werden Sie uns nur nicht krank,« sagte einer der Doktoren ärgerlich im Vorübergehen. Sein Leinwandkittel war von oben bis unten mit Blut bespritzt.

›Du mußt zu seinem Grab,‹ gebot eine Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh sie aus dem Raum, drängte sich durch die Verwundeten und fragte einen Oberleutnant, wo die gestern Begrabenen lägen. Der Offizier zog die Stirne kraus; die betreffende Stelle sei seit einigen Stunden gefährdet, antwortete er. Sie sagte gepreßt, wessen Grab es sei, das sie aufsuchen wolle. »Ich kannte Ingbert,« versetzte der Offizier, »ein lieber Kamerad. Schade um ihn.« Dann warf er einen flüchtigen Blick auf Olivia und erklärte sich bereit, sie zu führen. Sie war nicht fähig, ihm zu danken. Sie hatte keinen Dank mehr in sich.

Sie gingen über einen kotigen Feldweg. Bisweilen spritzte die Erde auf, als ob in ihrem Innern etwas geplatzt sei. »Sie schießen,« bemerkte der Offizier, nach einem Wald in der Ferne deutend und zündete sich eine Zigarette an.

Auf einer Wölbung des Geländes sah man unzählige kleine Holzkreuze. Der Offizier schritt eine Weile an der vordersten Reihe entlang, blieb bei einem stehen und sagte: »Hier liegt er.« Damit grüßte er und entfernte sich.

›Hier liegt er,‹ dachte Olivia. ›Und warum eigentlich? Und warum die andern, Unzähligen, warum?‹ Sie erinnerte sich der Anmut und Zartheit des Freundes, seiner Wärme und schweigsamen Liebe, und dachte: ›Warum nur, warum?‹

Sie ging weiter, ohne auf Weg und Richtung zu achten. Immer noch fiel Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden Wolkenhimmel malten sich feurige Geschoßbahnen, Leuchtkörper schwammen weit drüben in der Luft, bisweilen ertönte ein Krachen, als wolle der Weltkörper zerreißen. Zur Rechten wich mannshohes Gestrüpp zurück, das eigentümlich erhellt gewesen war, und nun gewahrte sie ein brennendes Dorf in der Ebene, weit drüben, und sie wanderte darauf zu. Sie holte ein Wägelchen ein, das von einem müden, klapperdürren Gaul gezogen und von einer alten Bäuerin gefahren wurde. Fünf oder sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht mehr weiter, und die alte Bäuerin schimpfte bald, bald flehte sie. Eines der Kinder erwachte, und als es des Brandes ansichtig wurde, stieß es einen gellenden Schrei aus.

Plötzlich flammte in einer Entfernung von kaum zweihundert Schritt ebenfalls ein Gebäude auf. Man sah nun, daß dort ein Dorf lag. Die Dächer der übrigen Hütten fingen im Zeitraum von wenigen Minuten Feuer. Olivia blieb stehen.