Er ergriff das Täschchen, und sie verließen den Raum. Unten wartete die Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins zu führen. Schweigend gingen sie durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz neben einer Scheune stand der Kraftwagen. Die Vorstellung war schnell erledigt, Olivia stieg ein, der Motor begann zu schnurren; »leb’ wohl, Robert,« rief Olivia, dann winkte sie noch einmal, und der Wagen fuhr davon.
»Kommen Sie, Freund, wir haben nur noch vier Stunden zum Schlafen,« sagte die Exzellenz und schob den Arm in den Robert Lamms.
Für Robert Lamm gab es aber keinen Schlaf. Er verließ die zugige Kammer wieder, kaum daß er sie betreten hatte, und ging auf die Gasse.
Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins Gesicht, die Häuser, an denen er vorüberging, waren schwarz, viele sahen wie seit langer Zeit verlassen aus. Er schritt an einem Zaun hin und spähte bisweilen in die Ebene oder in den Himmel. Die Zaunpfähle neben ihm, in endloser Folge, das brachte ein eigentümliches Gefühl von Rhythmik in seinem Innern hervor, und vielleicht war dies die Ursache, daß seine Gedanken immer bewegter, immer stürmischer wurden.
Der Marschschritt einer Kolonne wurde hörbar und kam näher. Es waren deutsche Soldaten, eine große Abteilung; der Zug wollte gar kein Ende nehmen. Lamm konnte die Gesichter der Leute nicht unterscheiden, doch die Entschlossenheit und der unabänderliche Gleichklang ihres Schrittes machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als sie vorüber waren, blieb er stehen und schaute ihnen nach. ›Da gehen sie nun,‹ dachte er und zog die Stirn in Falten, ›da gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung und in ihrem Schritt, als rechneten sie gar nicht mit der Rückkehr. Ob nicht ein einziger unter ihnen ist, der heimlich rebelliert? Vielleicht doch. Aber es kommt nicht darauf an. Es kommt auf keinen einzelnen an, auf den Willigen nicht und auf den Rebellen nicht. Was liegt am Müller und am Schmied und am Fuhrknecht und am Schreiber und an all den Strebern und Glücksjägern und Verliebten und Familienvätern und Staatsdienern, die dort draußen auf dem Schlachtfeld fallen werden, was liegt an ihnen? Es wird immer wieder Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber und Verliebte und Familienväter geben. Was brächten sie vor sich, wenn ihnen dies Schicksal erspart bliebe? Es kommt auf sie nicht an. Auch auf mich kommt es nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.‹
Er ging ein Stück, in der Richtung gegen die Stadt zurück, und nach einer Weile blieb er wieder stehen. »Und doch,« redete er nun laut vor sich hin, »doch ist der Mensch etwas Köstliches; man muß ihn bloß anschauen und begreifen können. Viele können es nicht. Diese Gestalt, das Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die meisten spüren nicht den Menschen. Auch ich habe den Menschen nicht gespürt. Ich habe so hingelebt, das ist alles; habe mich geärgert, habe gezankt, gefeilscht, geredet, aber den Menschen gespürt, nein, das hab’ ich nicht.« Und im Weitergehen wiederholte er noch ein paar mal die Worte: »Nein, das hab’ ich nicht.«
Da kam er an ein Haus, das ohne Türen und ohne Fenster war. Auch das Dach war zum Teil weggerissen, so daß der Himmel in die öden Räume starrte. Lamm ließ einen Blick zerstreuter Neugier über die Ruine schweifen und wollte seinen Weg fortsetzen, als er ein jämmerliches Wimmern vernahm. Er lauschte und hörte den Laut deutlicher. Es klang wie das Weinen eines kleinen Kindes.
Nun trat er in das Haus, zündete seine elektrische Taschenlampe an und ging von Stube zu Stube. In der letzten Stube sah er einen Säugling auf schmutzigen Lumpen liegen, halb nackt und nur noch matt schreiend. Lamm rief. Er glaubte die Mutter oder sonstige Angehörige in der Nähe. Aber niemand antwortete; niemand war zu sehen. Der Säugling war völlig verlassen, fror und hatte Hunger.
Lamm nahm das Kind auf seine Arme und trug es hinaus. Er rief noch einmal; umsonst. Da trug er das wimmernde Kind auf seinen Armen weiter. Sein anfangs zaudernder Schritt wurde fest und entschlossen, und alle hadernden Gedanken in seinem Innern schwiegen still.
Er hüllte das frierende Kind in seinen Mantel, und als er die Körperwärme spürte, kam etwas Freudiges über ihn, und das lebendige, an ihn geschmiegte Wesen wurde ihm plötzlich in sonderbarer Weise teuer. ›Ich will es behalten,‹ sagte er sich, ›ich will es wie ein Geschenk von Olivia behalten, und seine Augen sollen mir leuchten, wenn ich zu den Menschen gehe und für sie schaffe.‹