»Es wär’ ein schlechter Anfang, Robert, wenn mir deine Angst Ketten um die Füße legte,« erwiderte Olivia. »Du und Angst, Angst um einen Menschen! Ich kenn’ dich nicht mehr!«
»Du sprichst von einem Anfang, Olivia; mich dünkt, es ist ein Ende. Ich spür’s in allen Nerven, und mir ist so unheimlich wie manchen Leuten, die den Blitz fühlen, bevor er gezündet hat. Hör’ doch, wie die Welt braust und brüllt! Die Menschen sind so armselig und so furchtbar. Dessen bleib eingedenk, daß ich um dich gedient habe, länger als Jakob um Rahel, viel länger. Nur dacht’ ich, ich müßte dich unterwerfen, derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan, und ich hab’ nicht begreifen wollen, warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist die Siegerin, aber nicht bloß über mich, über uns alle, auch über die Sieger, und dich für meine Person zu beanspruchen, wäre so lächerlich, als wollt’ ich den Mond in mein Zimmer hängen, daß er mir zum Schreiben leuchte. Ich hab’ eine Erscheinung gehabt, weiter nichts.«
»Ach, Robert!« seufzte Olivia, die es nicht ertragen konnte, wenn man sie pries. »Ahnst du denn nicht, wie jämmerlich alles ist, was man tut, im Vergleich zu dem, was ungetan bleibt?«
»Es liegt nicht an der Qualität, es liegt im Geiste. Der Geist kann heilig werden, trotz Völkermord und Völkerwahn. Ich habe an den Heiligen Geist glauben gelernt, und damit allerdings steh’ ich wieder am Anfang.«
Er verstummte. Olivia sah ihn an und hielt ihn im Blick ihres groß aufgeschlagenen Auges.
Exzellenz Häfner kam etwas verlegen zurück. Er habe die beiden Herren gefunden, berichtete er, aber das Unangenehme sei, daß sie noch in der Nacht fahren müßten. Ob man der jungen Dame zumuten dürfe, die anstrengende Reise schon in einer Stunde fortzusetzen, habe er nicht gewagt zu entscheiden.
Olivia sagte, sie sei bereit, sie wäre froh, wenn sie rasch ans Ziel komme. Lamm widersprach nicht.
Sie nahmen hastig einen Imbiß auf schmutzigen Tellern, dann ging Olivia auf ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten. Lamm folgte ihr nach einer Weile; als er in die elende Kammer trat, die von einer einzigen Kerze erhellt wurde, war sie schon fertig. Sie stand hochaufgerichtet am schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur Seite geneigt, die Schultern, nach ihrer Art, zurückgebogen, die Arme lässig im Fall. Ihr Gesicht hatte einen verlorenen Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich selbst ruhend gesehen.
Er trat zu ihr und küßte sie. Olivia lächelte; als sie ihn wieder küßte, waren ihre Augen feucht.