Sie erschauderte. Die ganze Welt schien ihr wie auf eine Wand gemalt, fremd wie der Tod.

Erst am dritten Tage konnten sie reisen.

Es war eine sonderbare Fahrt. Robert Lamm, lebhaft und aufgeräumt, erzählte viel und war stets um Olivia bemüht. Junge Offiziere saßen im Wagen, die dem schönen Mädchen in der kleidsamen Schwesterntracht eine teilnahmvolle Neugier bezeigten. Auf den Bahnhöfen gab es lange Aufenthalte, und überall herrschte ein beängstigendes Treiben. Verwundete Soldaten lagerten in malerischen Gruppen; Flüchtlinge jeden Alters und Standes drängten sich um aufgeregt gestikulierende Beamte; Munitions-, Proviant-, Spitals- und Mannschaftszüge versperrten die Geleise oder fuhren vor; der einzelne Mensch hatte weder Wichtigkeit noch Stimme, alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen von der Masse, anscheinend ordnungslos, und doch von einer gewaltigen und besonnenen Kraft regiert.

»Und das alles für eine Einbildung von Feindschaft,« sagte Lamm leise zu Olivia; »wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo der von dem Slowenen, der da am Pfeiler lehnt oder von der eleganten Dame dort, die wahrscheinlich bei der Flucht auf einem Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat –? Wo ist der Feind? Jeder ist mein Feind, jeder andere Mensch, und jeder ist mein Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen, wogegen rasen die Völker? Sie wissen es nicht. Es ist aber das Blut, der Wille der Generationen, die nach ihnen kommen. Diese brauchen einen Weltzustand, den wir nicht einmal träumen können, und doch müssen wir ihn für sie schaffen, sie wollen es, sie erzwingen sich’s. Die Einsicht können sie uns nicht geben, nur das Feuer und die Brunst, die zur Zeugung gehören. Zeugung aber ist eine Angelegenheit des Rausches, sie hat Züge von Mordlust und Grausamkeit und stößt die Seele ins Chaos zurück, von wo sie stammt.«

»Laß das,« antwortete Olivia gepeinigt; »ich mag’s nicht, wenn Gedanken so wahr werden, daß sie verletzen. Gesteh doch lieber, gesteh es endlich, daß du dich getäuscht hast, wenn du mir immer unser Land als reif zum Untergange geschildert hast. Du hast gegen deine Brüder gewütet wie ein Besessener, und gegen dich selber auch. Gesteh doch, daß wir nicht zuschanden geworden sind vor dir und daß du das Henkerbeil umsonst gewetzt hast. Schau’ in die Gesichter, in welches du willst; ist nicht in fast allen ein kühles, tätiges Leben, ein werkfreudiges Gefühl, und sogar die Widerstrebenden können sich nicht entziehen. Sag’s ihnen doch, daß sie deiner nicht so ganz unwürdig waren, Robert; die Sühne bist du ihnen schuldig.« Es klang wie Spott eines Cherubs. Lamm errötete.

In einer Station nach Krakau stieg ein dicker, kleiner Herr von etwa fünfzig Jahren ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohhütchen auf einem mächtigen Schädel und sah einem Negerhäuptling in europäischen Kleidern ähnlich. Lamm kannte ihn, und sie begrüßten einander. Es war Exzellenz Häfner, ein ehemaliger Minister. Durch seine Gaben zu großen Leistungen befähigt, hatte er sich doch wider die Ränke seiner Gegner nicht zu behaupten vermocht. In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen, waren die Wogen des Liberalismus hoch gegangen und hatten den starren Theoretiker und römisch angehauchten Frondeur über Bord des Staatsschiffes gespült. Jetzt hatte man sich der lenkenden Erfahrung erinnert, die er besonders in den schwierigen nationalen und wirtschaftlichen Problemen der eben befreiten Nordprovinz stets erwiesen, und hatte ihn aus dem Dunkel eines Pensionisten-Daseins mitten in den Tumult der Weltbühne gerufen. Er war auf dem Weg ins Hauptquartier, wo er Beratungen wegen einer neu einzusetzenden Verwaltungsbehörde pflegen sollte.

So erzählte er Lamm und Olivia, mit der er alsbald bekannt wurde. Er hatte eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem er bissig war wie ein Kettenhund. Die Hand auf Lamms Knie legend, sagte er zärtlich und strafend: »Sie, lieber Hofrat, sähe ich nicht ungern unter meinen Helfern. Es wird keine Leibwache sein, fürchten Sie nichts. Mit den Prätorianern haben wir aufgeräumt. Sie haben sich viel zu früh ins Ausgeding begeben. Aber Sie waren unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf Filzschuhen darf man nicht aus unseren Ämtern schleichen. Wenn schon Skandal, dann mit großem Orchester. Ich habe bereits an Sie gedacht, denn ich bin mit der Laterne auf der Menschensuche. Werden Sie mich für einen Fanfaron halten, wenn ich Ihnen sage, daß man den rechten Mann an die rechte Stelle bringen wird? Das Land schwitzt seine ungesunden Stoffe aus; Blut, Leichen, Schutt, Moder, aufgehängte Verräter. Kommen Sie gleich mit mir, wenn es irgend angeht; ich habe ausreichende Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die Flügel dehnen. Mit den alten unbezahlten Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen Sie sich und geben Sie neuen Kredit.«

Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete zaudernd und unbestimmt; das Anerbieten war zu überraschend, und sein Mißtrauen gegen die Regierenden war zu tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht gelten lassen. Da er bemerkte, daß Olivia begierig zuhörte und Lamms Erwiderung mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte er das nahe Verhältnis zwischen den beiden und wandte sich geschmeidig an sie. Sie gab ihm in jedem Punkte recht, auch darin, daß Lamm die Entscheidung nicht aufschieben dürfe. In die Enge getrieben, erklärte Lamm, daß er nicht gewohnt sei, wichtige Entschlüsse mit solcher Eile zu fassen, auch könne er nicht zugeben, daß Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet und nahe an die Front allein fortsetze. Olivia widersprach dem, und Exzellenz Häfner sagte, er treffe in Tarnow zwei hohe Offiziere, die im Automobil zum San führen und dem Fräulein sicherlich einen Platz im Wagen gewähren würden. Ohnehin mußte man in Tarnow übernachten. Lamm bat sich Bedenkzeit bis zum nächsten Morgen aus.

Er saß mit Olivia in einem trübseligen Gasthauszimmer. Die Exzellenz war fortgegangen, um die Offiziere aufzuspüren, die Olivia mitnehmen sollten. Unablässig polterten Fuhrwerke über das holprige Pflaster draußen, und das Geschrei der kutschierenden Bauern und Soldaten erfüllte die Nacht. An den Nebentischen saßen Juden, die sich in ihrem unverständlichen Jargon leise unterhielten.

»Wüßt’ ich dich zu Hause, so gäb’s kein Schwanken für mich,« sagte Lamm. »Ich weiß, daß ich nicht mehr hinten stehen darf. Schon um deinetwillen nicht. Ich hab’ dir’s ja auch gelobt.«