»Was fühlen? Was glauben?« brach Olivia leidenschaftlich aus.

»Die höhere Ordnung, Olivia. Du warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja, ich sag’ es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker von achtundvierzig Jahren, der Gewohnheitsleugner, der Mann ohne Ideal. Gott! Es bleibt nichts andres übrig. Gott will, und wir tun. Gott düngt, und wir wachsen. Gott pflügt, und wir werden als Unkraut ausgejätet oder als Samen in die Furchen gestreut. Was ist dein Aufbäumen, was ist mein Schwatzen? In ferner Zukunft verleiht es vielleicht einmal einer Kreatur, an deren Existenz wir einen sehr entfernten Anteil haben, den geheimnisvollen Nerv zu einer Tat. Du kannst nicht helfen, keinem außer dir. Und hilfst du dir, ich meine dem Gott in dir, so hast du nichts mehr zu fürchten.«

»Und du, Robert?« fragte Olivia ernst: »Du? Das alles ginge mir stärker ans Herz, sprächst du zu mir als Handelnder.«

Lamm blickte mit zusammengezogenen Brauen starr ins Weite. Er antwortete: »Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal in einen herabgedrückten Zustand des Lebens finden muß, wäre es wünschenswert, wenn jedermann eine Prüfung seiner inneren Bestände vornehmen wollte. Der Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter wird sich hernach deutlich abscheiden. Ob ich dann noch zu brauchen bin, weiß ich nicht. Ich will’s versuchen.«

»Wirklich?« rief Olivia mit aufleuchtenden Augen. »Doch warum zögerst du?«

»Weil ich nicht pfuschen will. Du hast mich Geduld gelehrt, Olivia.« Er wandte sich ab und sagte gepreßt: »Könnt’ ich nur in Worte fassen, was du mir bist.«

»Robert!«

Jäh fuhr er herum und zog sie in die Arme. Sie aber befreite sich sanft und verließ ihn.

Um sich zu sammeln, ging sie in den Garten. Es war hell, der Mondschein einer Mainacht, die Luft voll Blumengerüche. In den Baracken waren schon die Lichter ausgelöscht. Vor einem der Treibhäuser saß ein Soldat und starrte in den Himmel. Auf den Wegen lagen weiße Blüten, so viele, daß sie den Schritt dämpften. Alles in der Natur atmete Frieden, alles sprach von Auferstehung und Erneuerung.

Olivia brach einen Zweig von einem Apfelbaum, roch daran und ging sinnend weiter. ›Warum hast du das getan?‹ fragte sie sich plötzlich und betrachtete den Zweig mit Abscheu. Aus den weißen Blüten grinste ihr der Tod entgegen.