Olivia flüsterte: »Ich bin eine Frau; ich will es sein.«
Lamm nahm ihren Kopf zwischen die Hände und küßte sie auf die Stirn. »Was hätte es dann mit Georg Ingbert auf sich?« fragte er. »Warum diese Reise? Was suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben oder sein Tod, dir, – die durch das Sterben der Menschen geht wie durch einen Garten im November?«
»Das kann ich dir nicht sagen,« erwiderte Olivia, »ich muß es eben tun.«
»Ich aber kann es dir sagen,« versetzte Lamm; »du willst dich mit diesem Schritt von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas von dir, ein Pfand, das du auslösen möchtest. Wenn du zu mir gehst, schlägst du das Tor der Vergangenheit hinter dir zu, und du willst nicht, daß einer, ob es auch bloß ein Schatten ist, draußen steht und nach dir ruft.«
Olivia erbleichte. Sie schloß die Augen und schwieg.
»Wir können aber ohne Vergangenheit nicht in die Zukunft hinaus,« begann Lamm wieder; »wer da baut, muß die Erde höhlen. Gräber der Liebe machen neue Liebe fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man an Liebe ist. Du, Olivia, hast tausendfache Liebe in die Gräber gesenkt, tausendmal hast du Georg Ingbert schon begraben.«
»Und doch muß ich zu ihm –«
»Ich glaub’ es selbst,« antwortete Lamm. »Eine Fahrt über lauter Gräber. Zwischen dir und ihm – Gräber; zwischen dir und mir – Gräber. Millionen von Verbluteten und Hingeschlachteten zwischen uns.«
»Man möchte auf einen andern Stern fliehen,« sagte Olivia. »Es muß einen göttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir Narren und Verbrecher.«
»Es gibt keinen andern Stern, Olivia, aber das Leben ist unendlich. Die wir begraben haben, die tragen uns; warum sie vernichtet worden sind, ist nicht zu erforschen. Zu fühlen ist es, glauben muß man; kann man das nicht, dann ist es freilich zum Verrücktwerden.«