In der nächsten Nacht ereignete es sich, daß er durch den leisen Druck einer Kinderhand aus dem Schlafe geweckt wurde. Ruth stand an seinem Bett. Wie das Kind zu dieser tiefen Nachtstunde hereingefunden, blieb ihm verborgen. In wenigen Sekunden war all seine Schlaftrunkenheit verscheucht, und mit Schrecken und Staunen betrachtete er das Kind in dem ungewissen Dämmerlicht der halbhellen Winternacht.

»Du mußt uns helfen; willst du?« flüsterte Ruth ganz leise und schauerte zusammen. »Schau, die Mutter weint oft die ganze Nacht, wenn sie glaubt, daß ich schlafe. Weißt du, warum sie weint? Nicht? Dann mußt du hingehen und mußt sie fragen.«

Formes fühlte etwas zerfließen in seinem Herzen und er preßte die Lippen zusammen. »Du frierst ja, Kind,« sagte er mit rauher Stimme, nahm das Mädchen und zog es in sein Bett.

»Bist du auch brav? Betest du auch?« fragte Ruth, als sie zufrieden das Köpfchen in den Kissen zurecht gelegt hatte.

»Nein.«

»Nein? Wirklich? Niemals betest du?«

»Doch – bisweilen –«

»Und warum hast du denn so einen langen Bart? Wie häßlich das ist, der kratzt ja, den mußt du dir wegthun lassen. Willst du? O, was bist du für ein schwarzer, schwarzer Mann, – du!«

Und sie bedeckte das Gesicht mit den Händen. Formes lachte.

»Gelt, du läßt deinen Bart ein wenig schneiden? Dann hab’ ich dich gern. Und versprich mir auch, daß du der Mutter helfen willst. Du weißt doch wo sie wohnt? Also paß auf: nämlich in der Bauerngasse im dritten Stock.«