»Warum hab’ ich denn keinen Vater wie die anderen Kinder?« fragte die kleine Ruth nach langem Stillschweigen. Und als Formes nicht antwortete, weil wieder jene beengende und heiße Wehmut über ihn hereinbrach, flüsterte sie weiter: »Sie fragen mich immer alle, wie heißt denn dein Vater?... aber ich weiß nicht, ich weiß gar nicht. Das ist doch dumm, gelt? Was ist er denn nur? Vielleicht hat er mich nicht lieb, du? Sag doch.«

»Ja, ich weiß auch nicht,« erwiderte Formes, und er fand es gar schwer, Worte zu finden für das Kind.

Und nach langem Nachdenken begann das Mädchen hastig, als dürfe es diese Frage nicht vergessen. »Du, was ist weiter, Amerika oder die Welt?«

Der große Student konnte nicht darauf antworten. Es war eine fremde Sprache, die er vernahm. Ungewohnter Gefühle voll, schaute er in die dunkle Nacht hinein, die lautlos auf der Erde lag und die sich unermeßlich hinzudehnen schien über alle Länder und über alle Sterne. Er hörte wohl, wie das Kind weiter plauderte, und nicht zur Ruhe darüber kommen konnte, wo der liebe Gott wohne und ob er Flügel habe wie die Engel und ob das Paradies schöner sei wie der Stadtgarten hinter der Burg, aber er fühlte sich arm dieser kindlichen Welt gegenüber und er sah immer nur auf die Häusermauern hinaus, den Kopf auf den Arm gestützt. Er sah gleichsam die Stille draußen schleichen, wie sie mit wehenden Tüchern alle Dinge umwand, und er sah den dunklen Schlaf mit müßigem Schritt durch die Gassen schleichen. Endlich warf er auch seine Körner in die Augen der kleinen Ruth, während Formes bis zum Anbruch des Tages wach blieb.

Am folgenden Nachmittag ließ er sich die Hälfte des Bartes abnehmen und ging dann in die Bauerngasse, nachdem ihm Cenci auch die Nummer des Hauses angegeben hatte. Er vermochte sich zwar durchaus nicht vorzustellen, wie er helfen könnte; denn Geld besaß er nicht. Aber er ging von einer fremden Macht befehligt, und ein wunderbares Vertrauen zu dieser Macht erfüllte ihn.

Als er die drei überaus steilen Treppen erklommen und eine zerbrechliche Thür geöffnet hatte, sah er ein junges, schmächtiges Weib beim Fenster sitzen, das sich bei seinem Eintritt erhob. Aber sie sah ihn kaum, als sie laut aufschrie, und es war, als ob sie seinen Namen suchte. Er zitterte. Das junge Weib blickte ihn lange Zeit an, mit Lippen, die gleichsam durstig waren, zu reden, aber sie brachte nicht eine Silbe hervor. Formes fühlte, daß er kalt wurde an Händen und Füßen. Nur unvollkommen konnte er denken, und er sah das Gesicht dieser Frau, wie es jünger war und schöner; er sah es wie sie heraufstieg aus den Nebeln vergangener Jahre mit all der jugendlichen Anmut des Weibes, das eben die Schwelle der Kindheit verläßt. Nur flüchtige Tage waren es gewesen, Tage der Leidenschaft und lange, lange hatte Formes selbst den Namen des Mädchens vergessen, das sich ihm so hingegeben: ohne Frage, was die Zukunft bringen möge und ob der Mann mit strenger Faust den Zügel des tollen Renners Leben zu halten verstünde. Und das Voneinandergehen kam still und natürlich, wie bei zweien, die sich nun entbehren können, nachdem sie gemeinsam das Mahl der Freude genossen haben. Und das eine versank in Not und das andere versank in Not und auf Flügelfüßen enteilte die Zeit, leer an Glück und berstend von gespenstigen Schicksalen. Sie ist an meinem Herzen gelegen und Ruth ist mein Kind, dachte Formes und eine solche süße Befriedigung floß in seine Brust, daß sich seine Augen mit hellen Thränen füllten. Wie der Mondschein im Herbst an den Fenstern zittert, so durchirrte eine scheue Glut sein ganzes Wesen und warf einen zauberischen Schein auf den Weg, der vor ihm lag. Er wußte nicht, was er zu dem jungen Weib sagte, er sah nur, daß es ihr plötzlich klar geworden, wohin sie ihr Kind gebracht, sah, wie sich ihr Gesicht in Angst, Abscheu und Reue verzog, und da wandte er sich zum Gehen. Nicht, als ob er zu verstockt gewesen wäre, ihr die Hand zur Versöhnung zu reichen, aber er erachtete dies nicht für wesentlich; ganz Anderes erfüllte ihn nun und das Kind, das er gewonnen, wollte er schnell beglücken mit allem Glück der Liebe. Darum war er gegangen.

Das arme Weib aber raffte ein Tuch und ihren Mantel aus einer Ecke hervor und stürzte fort: ihr war, als sei Ruth in Gefahr und als müsse sie das Kind noch in dieser Stunde sehen und zurückbringen in ihr dürftiges Heim, damit es nicht verdorben werde durch den Blick des betrügerischen Mannes, dem sie sich einst berechnungslos ergeben hatte.

Formes wanderte weit hinaus in die Felder, wo es sehr einsam war. Ein bleiern schwerer Himmel hing droben und der niedere Flug der Raben trieb Staub aus den Äckern empor. Und hinten lag die Stadt ausgebreitet, und die roten Ziegeldächer schoben sich ineinander wie die Schuppen eines Reptils, und die Häuser stiegen an bis gegen die Burg hinauf, dem ehrwürdigen Heim heldenhafter Kaiser. Niemals hatte diesen hagern Studenten eine solche Fülle weicher und trauriger Empfindungen beherrscht. Bereit zur Hingebung an Gutes und Edles, sah er einen Weg in die Zukunft vor sich, den er wandeln wollte mit herber Entschlossenheit. Sich loslösen von den Genossen und allein den stillen Pfad zur Kraft wandeln, das beschloß er. Die lockere Weisheit des fatalistischen Beharrens verachten zu lernen und sich mit strenger Arbeit ein Bett zum guten Schlaf erkaufen, das Leben der Mühe wert zu leben machen, hingehen und hoffen und allen Kleingeist zerbrechen wie dürres Rohr, das war ein Ziel. Er fühlte, daß es gut würde, wenn er jetzt gehorchte und die beglückende Frohheit und Kampfwilligkeit nicht ungenutzt vergehen ließ. Und das alles hatte ein armes Kind vollbracht, das an ihn glaubte und dem er näher stand, als irgend ein Mann der Welt. Er sagte sich, daß etwas Herrliches und Erhabenes darin liegt, ein Wesen zu lieben, welches vom eigenen Fleische stammt, ein Wesen, das lachen kann und weinen kann und beten kann, und das Schönheit besitzt, die ihm zugeflossen reichlich und wundervoll, wie aus einem unsichtbaren Gnadenquell.

Er kehrte nach der Stadt zurück und hatte indes einen feinen, glücklichen Plan ersonnen. Er suchte einen jungen Freund auf und bat so ernst und eindringlich, wie er nie zuvor gethan, um ein Darlehn von zehn Mark. Im Besitz des Verlangten, betrat er einen großen Spielwarenbazar, wo er eine überaus prächtige Puppe kaufte. Sie hatte echtes Haar von aschblonder Färbung und besaß einen edlen, damenhaften Gesichtsausdruck. Es war eine Puppe, die Persönlichkeit besaß. Ihre Bewegungen waren weder eckig noch kreischten die Gelenke dabei, sondern sie hatte die einschmeichelnde Grazie einer Südländerin, und wenn sie »Mama« sagte, so klang das, wie wenn ein wirkliches Mädchen sagt: Ich liebe dich. Ihre Kleidung war so kostbar, daß ein tartarischer Chan vor ihr sich hätte schämen müssen. Mit diesem köstlichen Schatz also bepackt, wanderte Formes dem nördlichen Stadtteil zu. Sein Herz klopfte vor ungestümer Bewegung und zum erstenmal empfand er, darüber erstaunend, die Freude des Gebens.

Es war schon acht Uhr, als er zu Hause anlangte. Freilich waren die Kinder jetzt schon zu Bett gegangen, aber er wollte Ruth wieder wecken. Ohne der Schwester oder der Mutter zu begegnen, schlich er zum Schlafzimmer der Sieben. Er zündete eine Kerze an und bemerkte, daß seine Hände dabei zitterten. Dann suchte er die Bettchen ab; immer ungeduldiger ging er von einem zum andern, und er wußte nicht, wie ihm geschah, als er das Mädchen nicht fand. Es waren vier Betten und eins stand leer. In den andern lagen je zwei Kinder. Er suchte noch einmal, er leuchtete jedem der Schläfer ins Gesicht, aber die kleine Ruth fand er nicht. Da lächelte er plötzlich, und dieses Lächeln war kindlich und voll Heiterkeit. Während der Dauer dieses schönen Lächelns war er ein völlig anderer Mensch. Er ging mit der Kerze in der Hand in sein eigenes Zimmer; denn er war fest überzeugt, das Kind habe sich heimlich dort drüben eingenistet, um bei ihm bleiben zu können. Im Korridor jedoch traf ihn seine Schwester Cenci, die ihn etwas erstaunt ansah, als sie ihn mit dem Licht in der einen und dem Packet in der andern Hand erblickte. »Du, Hans,« sagte sie, als sie sich schon abgewandt hatte, »die kleine Ruth ist heute plötzlich geholt worden. Ihre Mutter war da und war sehr aufgeregt. Sie hat uns das Geld auf den Tisch geworfen und ist dann mit dem Kinde gegangen. – Was ist dir denn, Hans? Du bist ja so bleich?« Mit langsamem Kopfschütteln wandte sie sich ab und zum ersten Male fühlte sie sich durch irgend etwas dem Bruder nahe, obwohl ihr keineswegs der Grund davon klar wurde. Stets lag Finsternis und Sorge über diesem Haus und die Menschen darin waren froh, wenn sie mit ihrem Tag zu Ende waren und sich das bischen Schlaf ergattert hatten.