Mittwoch 2. Jänner.
Donnerstag 3. Jänner.
Auf dem Vorderdeck lagert eine Schar siamesischer Bonzen, hagere, knochige Kerle, das Kopfhaar vollständig rasirt, in safrangelben Mänteln drapirt, ganz togaartig, – sie kommen auch aus Mandalay, wo ihnen das Reisegeld ausgegangen war, und wo ihnen Prinz Naris unter die Arme greifen musste. – Mit letzterem und seiner Suite suche ich nähere Bekanntschaft anzuknüpfen; leider happert es sehr mit der Sprache, da ihr Englisch recht mangelhaft ausfällt. Doch lerne ich, dass der König alle Winter eine grössere Reise macht, immer mit kolossalem Gefolge, dass er dadurch sein ganzes Reich nach und nach genau kennen lernt, mit den Provinzialbehörden in Fühlung kommt, überall Fahrstrassen baut etc. – Diesmal geht seine Tour nach Chayok, einem District im Nordwesten Siams, an der burmanischen Grenze, und dürfte er nicht vor 6-7 Wochen in seiner Hauptstadt wieder eintreffen. – Prinz Naris scheint Höllenangst vor seinem erlauchten Bruder zu haben, schmiert fort an seinem Berichte und ist in grosser Aufregung, noch rechtzeitig anzukommen. Er und seine Leute sind klein, gut genährt, von hellgelber Hautfarbe, geschlitzten Augen, entschieden mongolischem Typus; sie tragen die neue Hoftracht: weisser leinener Waffenrock mit goldenen Knöpfen und ebensolchen Achselschnüren; anstatt der Hosen ein weites buntes Tuch (Sarong), welches um und zwischen die Beine geschlungen bis zu den Knien reicht und an der Seite eingeschlagen wird; dazu weisse Strümpfe und schwarze Schnallenschuhe und ein weisser, mit Goldspitze verzierter indischer Sonnenhelm. – Bei Tisch servire ich californische Pfirsiche, die in Singapore von mir eingekauft sind, und lache über ihre erstaunten Gesichter; so was haben sie nie gegessen!
Heute fahren wir im Golf von Siam, das chinesische Meer ist hinter uns und die »Hecuba« geberdet sich etwas weniger lebhaft. – Wunderbar schön sind hier die Nächte, – wir liegen in unseren Stühlen in den kühlen Pujahmas (Nachtanzüge aus dünner Baumwolle oder chinesischer Rohseide) und bewundern den glorreichen tropischen Sternenhimmel, der viel heller und deutlicher leuchtet als im alten Europa – dabei ist das Thermometer auf 26° C. gesunken.
(Siam hat sechs Millionen Einwohner, theils Siamesen, theils Laoten, theils Chinesen, zwischen 4. und 21. Grad nördl. Breite und 96-106 Grad östl. von Greenwich. – Silberwährung: 1 Tikal = 2 shill. 6 pence, 5 Tikals = 3 Mexic.)
Freitag 4. Jänner.
REISBOOT
Heute geht unsere Reise zu Ende nach 44tägiger Fahrt seit Triest! Die »Hecuba« dampft schon Montag Abends wieder nach Singapore und berührt unterwegs Bang-tah-phan an der Westküste; auch wollen die Neads mit ihr fahren, um die dortigen Goldminen anzusehen. – Das Wasser wird bereits trübe; grosse Strecken sind mit Seetang bedeckt, die Maschine arbeitet mit halber Kraft, – östlich zeigen sich einige ganz kleine Felseninseln, von denen der König eine zum Sommeraufenthalte ausgewählt; bald sollen die Arbeiten zur Errichtung eines Palais dort beginnen. – Im Norden erscheint schon ganz deutlich die flache Küste von Siam. Der Capitän ist in grosser Aufregung: Wird die »Hecuba«, die 14 Fuss Wasser zieht, im Stande sein, über die Barre zu gleiten? Um 11 Uhr ist hier heute Hochwasser, und es ist bereits Mittag: ängstlich schauen wir alle mit Fernrohren und Feldstechern auf eine hölzerne Hütte, welche auf einem winzigen Eilande als Leuchtthurm dient, – dort wohnt seit vielen Jahren ein Deutscher, der durch Flaggensignale die anlaufenden Schiffe von der Passirbarkeit der Barre in Kenntniss setzt, die hier höchst merkwürdigen, täglich sprungweise sich ändernden Ebbe- und Fluthverhältnisse studirt hat und ziemlich genaue Tabellen über dieselben alle Monate verkauft, und zwar um den Spottpreis von 1 Dollar. Da flattert von der Hütte eine Fahne mit einer grossen 15 – Hurrah! ruft der Capitän, Hurrah! rufen alle Passagiere: Volldampf voraus, – die »Hecuba« schraubt sich ordentlich durch die Wellen; einen Augenblick knarrt es unter uns, die 15 Fuss müssen nicht ganz richtig sein, noch eine Anstrengung, und wir sind drüben! Immer näher rückt das Festland; wir bewundern die dichten Wälder, die fast bis ans Meer herabreichen, um 3 Uhr fahren wir in die Mündung des Menam, des »grossen Flusses«, ein und halten bald vor Pak-nam, – rechts eine Menge Hütten und einige veraltete Befestigungen, links eine reizende Pagode oder Wat, wie die Buddhistentempel heissen, ein schlanker, immer spitzer auslaufender Thurm, blendend weiss – der obere Theil feurig roth, – dazu der dunkelgrüne Hintergrund der Palmenwaldungen, – es ist herrlich. Um uns schiessen zahlreiche Boote umher, Sampans jeglicher Form mit halbnackten gelben Ruderern bemannt. In Pak-nam wurde früher der Zoll erhoben; jetzt genügt eine kurze Visitation der Schiffspapiere, und wir dampfen wieder weiter stromaufwärts. – Eine weisse Dampfbarkasse mit der königlichen Flagge, blau mit einem gelben Elephanten, kommt uns entgegen, und wir glauben zuerst, es ist zum Empfang der Gesandtschaft. – Doch nein, die Barkasse hat zwar gewendet, holt uns aber nicht ein. – Der Menam wird immer enger, – etwa wie die Donau bei Budapest, – es wird dunkel; der dichte Jungle der Ufer wird unsichtbar; da tauchen zu beiden Seiten Tausende und aber Tausende von Lichtern auf, – Lärmen, Schreien, Gongs, Singen, Trommeln erfüllen die Luft, – die Kette fällt in den Fluss, wir sind in Bangkok, dem Venedig Ostasiens – 8 Uhr Abends. Unser Consulatsgerent Herr M., ein Compagnon des leider in Europa abwesenden tüchtigen Honorarconsuls Kurtzhalss, und ein riesig dicker Siamese, der »Introducteur des Ambassadeurs«, kommen an Bord und führen uns in einer Dampfbarkasse ins Oriental-Hôtel, einem erst kürzlich errichteten grossen Gasthof, wo im ersten Stock ein Louis XV.-Salon nebst Schlafzimmer für den Gesandten und zwei Zimmer für uns dii minorum gentium hergerichtet sind. – Die »Ambassadors Hall«, wo alle fremden Gesandten wohnen, auch Baron Schäffer, Herr v. Hofer und Graf Zaluski, soll wegen weisser Ameisen, Termiten, jetzt unbewohnbar sein, – wir müssen daher, natürlich auf Kosten des Königs, im Hôtel absteigen, wo mehrere dienstbare Chinesen, die erwähnte Dampfbarkasse und einige Wagen mit rothlivrirten Kutschern zu unserer Verfügung stehen. – Der Gesandte fährt noch zum Minister des Aeussern, dem Prinzen (Krom Luang) Devawongse, Varoprakar, einem Bruder des Königs, um die morgige Ceremonie zu besprechen, – ich bewundere die ungezählten Bewohner meines Zimmers, Mosquitos gross wie Elephanten schwirren in der Luft, – am Boden huschen mehrere herzige Mäuse und eine Monstreratte herum, – im Bette ruhen ein halbes Dutzend Riesenschwaben, – an den Wänden laufen fusslange grüne Eidechsen und pfeifen sanft, – sie heissen Tokh-Keh und fressen die Mosquitos. Letztere bringen sogar den phlegmatischen Harrison aus seiner Ruhe, – er klopft leise an meine Thüre und frägt: »Beg pardon, Sir, are those fourfooted animals with a long tail hanging on the walls dangerous, Sir?« – »No«, – brülle ich zurück, »they are peculiar to, and the pride of this lovely country!« Mitternacht – 33° Celsius!!