Mittwoch 16. Jänner.

Ich muss mich gestern erkältet haben, – mein Gesicht ist ganz angeschwollen, Zahnschmerzen und Fieber, dazu wahnsinniger Husten. – Doch es heisst Einpacken, Koffer verlöthen (gegen Termiten), aus einem grossen Sack silberner Tikals Trinkgelder an alle Bedienstete vertheilen, p. p. c.-Karten an die Bekannten schicken und noch in aller Eile in die innere Stadt fahren, um einige verschobene Einkäufe zu besorgen; – als wir schon das Hôtel verlassen wollen, erscheint ein altes Weib mit weiteren Silber- und Goldgefässen, – auf dem Boden sitzend handeln wir ihr den ganzen Kram ab; erst jetzt fangen die Leute an, Sachen zum Verkaufe zu bringen; Läden gibt es für Curios nicht, und man braucht Zeit, Geduld und Geschick, um wie Baron Joachim Brenner siamesische Kunstproducte sammeln zu können.

 Um 4 Uhr sind wir Alle an Bord der »Hekate« und fahren, die österreichisch-ungarische Flagge am Hauptmaste, mit vollem Dampfe, nun zum letzten Male, den Menam hinab, – noch grüssen die schwimmenden Häuser, der Spectakel, der Lärm der Grossstadt, dann die öde Stille des Jungles, und um 8 Uhr werfen wir südlich von Paknám, aber innerhalb der Barre, Anker, da morgen hier Reis eingenommen werden soll. – Nun entdecken wir den ganzen Jammer unserer Lage; die »Hekate« ist noch viel schmutziger, viel vernachlässigter als ihre Schwester »Hecuba«. Die einzige Cabine auf Deck erhält der Chef, während man uns dreien ein paar Löcher schauderhaftester Art anweist, Kakerlaken, Ratten, Ameisen sind noch das beste dabei, – seit Monaten scheinen die Leintücher nicht gewaschen zu sein! Am Vordertheile befinden sich 300 Zebuochsen, die erbärmlich stinken, – doch suchen es ihnen hierin etwa 200 am Stern zusammengepferchte Chinesen zuvorzuthun! Beim Dîner stellt sich heraus, dass der gesammte Weinvorrath des Schiffes eine halbe, sage eine halbe Flasche Rothwein beträgt! Für vier Menschen, während vier Tagen! Well, à la guerre, comme à la guerre, wir legen tant bien que mal die müden Glieder in lange Sessel auf Deck und trachten die Milliarden Mosquitos abzuwehren, die, über den Aufenthalt des Schiffes entzückt, von allen Seiten herbeifluthen! Felicissima notte!

Donnerstag 17. Jänner.

Während Biegeleben und Sapieha ans Land gehen, um das zur jetzigen Jahreszeit gänzlich verlassene Städtchen zu durchforschen (im Sommer gebrauchen viele Bangkoker hier die Seebäder), rudert unser Capitän zu einem in der Nähe verankerten Engländer, der, soeben aus Hongkong angekommen, ihm seinen ganzen Weinkeller, nämlich 17 Flaschen verschiedensten Rebensaftes, überlässt, – dadurch sind wir gerettet, – denn das Wasser, welches der Capitän, ein junger Deutscher, selbst trinkt, ist, wie bekannt, schon drei Monate alt, – Soda ist keines vorhanden, die Bedienung ist elend, die chinesischen Boys, ordinäre Arbeiterjungen, die niemals Europäer bedient haben, sprechen kein Wort englisch und kümmern sich gar nicht um uns. – Das Essen bei alledem ungeniessbar! Für 30 Tikals, den Preis der Ueberfahrt, hätte man schon etwas mehr liefern können. – Mittags kommen die beiden Touristen ganz ermattet und erschöpft zurück; sie sind vier Stunden bei dieser Bratsonne im Jungle umhergelaufen, ohne ein menschliches Wesen anzutreffen. – Der Reis ist eingeladen, um 3 Uhr geht's über die Barre und in See, – Mosquitos auf Nimmerwiedersehen!

Freitag 18. Jänner.

 Es stürmt, es rollt, es stampft, alle paarMinuten geht ein Platzregen nieder, – dieZebus stinken, die Chinesen ditto, meine geschwolleneWange thut höllisch weh, – vorSingapore ist keine Hilfe möglich. Biegelebenliegt regungslos in seiner Deckcabine undklagt, – Sapieha flucht, nur Poche fügt sichins Unvermeidliche. – Nochmals: »Hol' derTeufel die Tropen!«
Alles im Gleichen, Rollen, Regen, Wind,Gestank, Schmerzen.
Der Wind hat nachgelassen, die Chinaseezeigt sich gnädig, dafür verdoppeln die Zebus,von denen gestern mehrere ins Wasserstürzten, und die lieben Celestials ihre Düfte.– Spiro Mersa hatte recht: mit Chinesen zureisen ist eine Tortur. – Ganz hinten entdeckeich eine Colonie Klings, britisch-indischeSchneider, die vom siamesischen Hofezurückgeschickt werden. – Sie sitzen splitternacktam Hinterdeck und sind sehr seekrank!Mein Fieber ist in schönster Blüthe!
Gleich einer Schiffsladung Schwerverwundeterwurden wir heute früh von der »Hekate«ans Land in Singapore gebracht,blass, schlotternd, abgemagert; besonders ichmit meinem Kürbisgesicht sehe reizend aus.– Auch schlage ich deshalb die EinladungBrand's, mit Biegeleben in Bidadaré zuwohnen, aus, überlasse Sapieha das mir bestimmteZimmer und eile gleich zu den»Sepoy Lines«, einem grossen, in gepflegtemGarten gelegenen, musterhaft gehaltenenMilitärspital. Dr. Simons sticht kunstgerechtmeinen oberen Gaumen auf, und sofort binich von der fünf Tage langen Qual erlöst. –Es lebe die Wissenschaft und das gut geführteFedermesser! Mit Poche habe ich michim grossen Hôtel de l'Europe einquartirt underhalte hier ein geräumiges, nicht gar zuheisses Zimmer, von wo aus ich die prächtige»Esplanade« und die schöne gothischeSt. Andrew's Cathedral übersehe. Im »SingaporeClub« treffe ich beim Tiffin mit den Collegenwieder zusammen, in den hohen Hallenund Sälen streicht Nachmittags die Seeluftdurch, belebend und erfrischend; da vergisstman die 36°, die trotzdem herrschen.

GUIRNHILL Singapore

Dienstag 22. Jänner.

In dem Universalladen John Little's wird nun an meine Ausstaffirung geschritten, – beim englischen Zuschneider wird ein dünner Flanellanzug und blaue Jacke (16 und 12 Dollars) gekauft, während beim Celestial Chong-Fee-Chee-Chong, dem Leibschneider Poche's, einige weisse Leinen- und einige chinesische Rohseidenanzüge bestellt werden. Europäische Kleider sind hier nicht zu gebrauchen. Im Club treffe ich den holländischen Generalconsul George Lavino, Bruder des Telegraphencorrespondenten in Wien, William Lavino, der Sapieha und mich zu einer Tennispartie für Mittwoch ladet. – Fahrt in den botanischen Garten, der, reizend angelegt und gehalten, wundervolle Collectionen tropischer Pflanzen enthält, riesige Bambusgruppen, Cabbagepalmen, entzückende Orchideen. – Abends am berühmten Garten Whampoas vorbei, wo noch die Victoria Regia in den Teichen und Bächen an die frühere Pracht erinnert (der reiche Chinese ist 1887 gestorben, und seine Söhne lassen Alles verkommen), fahren Poche und ich zu Brand's. – Ein famoses Dîner und grossartige Heimfahrt bei dem Sternenhimmel, wie er eben nur 80 Meilen vom Aequator leuchten kann.

Mittwoch 23. Jänner.