GEBEL TÜR
Sapieha weiss nicht, wohin er eigentlich reisen soll; jagen kann er nicht, da er nur mit einem kleincalibrigen Express ausgerüstet ist; er spricht kein Englisch, dürfte demnach allein schwer fortkommen; ich schildere ihm die Wunder des Hofes von Siam und bitte den Gesandten, ihn zur Mitreise als Honorar-Attaché aufzufordern; dies geschieht, und so ist allen geholfen. Sapieha ist glücklich, auf so bequeme Weise nach Ostasien zu kommen, Biegeleben hat für die Mission ein sehr schätzbares Mitglied und ich habe einen angenehmen jungen Collegen erworben! Wir passirten heute den Gebel Tür, einen aus dem Meere aufragenden unbewohnten vulcanischen Felsen; bald darauf eine ganze Reihe solcher dunkelbrauner Inseln, lauter erloschene Krater, einige mit üppiger Vegetation, die sogenannten »zwölf Apostel«. – Dr. Walther hatte einige hübsche Skizzen derselben gemacht, als ein unerwarteter Windstoss sein Zeichenbuch davonträgt!
DIE 12 APOSTEL
Bei Nacht ist die Hitze in den Cabinen unerträglich; ich schleppe meine Matratze auf das obere Deck, wo es erträglicher ist, und entdecke, dass viele andere auch so klug waren!
3. December.
Hohe See, mit kurzen, unangenehmen Wellen, – der »Poseidon« kommt nicht von der Stelle, wir machen kaum 10 Knoten in der Stunde, vor einigen Monaten machten wir auf der »Gascogne« 18! Trotzdem 36° C., in der Cabine 38°! das ist schon nicht zum Aushalten, Alles schwitzt und stöhnt und jammert.
4. December.
In der Frühe sehen wir die Minarets von Mocha. Arabien erscheint als ein kahler gelber Streif, im Hintergrunde eine bläuliche Gebirgskette. Um Mittag nähern sich beide Ufer, das arabische ist ganz nahe; öde röthliche Felsen, sehr zerklüftet, nicht ein Haus, kein Baum; das afrikanische, von dem wir etwas weiter entfernt sind, scheint auch nicht fruchtbarer zu sein. Vor uns die Insel Perim mit ihrer kleinen Festung, an der Nordspitze ragen die Maste eines grossen Dampfers aus dem Wasser, daneben liegen noch drei Wracks, – wir sind eben in Bab-el-Mandeb, im Thore der Thränen, wo seit Jahrtausenden die Schiffe zugrunde gehen. Auf Perim ist eine Garnison von 30 Sepoys und einem Lieutenant, der – einer Erzählung der Mrs. Mackenzie zufolge – zuweilen ruhig in England wohnen soll, indessen seine vorher sorgsam vorbereiteten Berichte alle Monate von Perim aus abgeschickt werden. Der Verkehr mit der Insel ist sehr dürftig, in letzterer Zeit halten allerdings einige nach Australien und Ceylon bestimmte Dampfer lieber dort als in dem entfernten Aden, um die nöthigen Kohlen einzunehmen. Im Jahre 1855 kam ein französisches Kanonenboot nach Aden, wo die Officiere auf das gastlichste aufgenommen wurden; bei einem vom Militärcommandanten gegebenen Bankette erzählten die Franzosen von ihrer am kommenden Morgen bevorstehenden Abfahrt, – um das Ziel ihrer Reise befragt, entwischte dem bereits angeheiterten Capitän der Name »Perim«! Als am nächsten Tage die Franzosen vor dieser Insel erschienen, war daselbst bereits die englische Flagge gehisst, und englische Soldaten waren eifrigst beschäftigt, Erdarbeiten aufzuwerfen. So wurde Napoleons Plan vereitelt, und die Engländer beherrschen den Eingang ins Rothe Meer. – Links an der äussersten Südspitze des Festlandes erscheinen die neuen weissgetünchten Kasernen von Scheik Selim, »Saleya«, welche soeben von der türkischen Regierung errichtet worden sind, – ein grauenvoller Posten für die armen Nizams. – Perim bleibt rechts liegen, wir ändern unsere Richtung nach Osten und befinden uns im indischen Ocean. – Es ist verhältnismässig kalt, 31° C. im Schatten, und wir athmen alle erleichtert auf, der Nordost-Monsum ist unser Retter! Um Mitternacht fällt die Ankerkette rasselnd ins Meer: wir sind in Aden.