Um 6 Uhr früh sind schon alle auf den Beinen, die ersten Kohlenleichter kommen auf uns zu, und wir entgehen dem Schmutz und Lärm, indem wir alle ans Land übersetzen. Der »Poseidon« liegt 2 Meilen von Steamer-Point, dem Hafen von Aden, die rothen vulcanischen Felsen des Gebel Shamshan machen sich prächtig; auch hier kein Baum, kein Grashalm, hie und da ein kleines, in den Berg hineingebautes Bungalow; neben uns eine Menge Dampfer, ein indisches Wachtschiff, der riesige Truppentransport »Euphrates«, eine französische Corvette, die deutsche Glattdeckcorvette »Victoria«, daneben viele arabische Segler, in der Luft Tausende von Möven. Wir landen unter grossem Geschrei der Somalis, welche die Hauptbevölkerung auszumachen scheinen, und fahren in einem netten, mit einem Zeltdache versehenen Einspänner nach rechts zur Post, dann wieder zurück und weiter zu den räthselhaften »Water-Tanks«, die, wahrscheinlich 600 a. D. errichtet, von den Engländern theilweise hergestellt worden sind und jeden auf der Halbinsel Aden fallenden Regentropfen auffangen sollen. Wer die ursprünglichen Erbauer dieser riesigen Reservoire waren, ist unbekannt – vielleicht die Sabäer? Vor den Tanks ist ein kleiner Garten, Victoriapark, der mit unsäglicher Mühe und fortwährender Bewässerung grün erhalten wird. Die Stadt Aden ist eine sehr grosse, reinliche arabische Stadt; ganz im Osten liegt Aden Camp, die Residenz der Officiere, wo die Kasernen, Kirche, Spital u. s. w. stehen. Der felsige Weg zum Hafen ist ganz an den Bergwänden und durch dieselben hindurch ausgehauen, lange Tunnels bilden einen sicheren Schutz gegen jeden Ueberfall, Züge von Kameelen aus dem Innern, schlanke, gut gewachsene Araber in weissen Mänteln, nackte Derwische, prächtige Somalis und Suahelis, Juden in langen Kaftanen, auch indische Soldaten beleben die Strasse, die 5 Meilen bis Steamer Point sich hinwindet. – Biegeleben, Sapieha und ich kaufen in einem Parsiladen schöne rothe Leibbinden (Kummerbands) und schlürfen dann im grossen, kühlen Salon des Hôtel de l'Europe deliciösen arabischen Kaffee, während Coudenhove die Somaliweiber näher untersuchen will. – Die Hitze ist hier wieder kolossal, 38° C. im Schatten, wie denn Aden der heisseste Fleck der ganzen Erde sein soll, – seit 2½ Jahren hat es nicht geregnet! Um Mittag wandern wir zurück zum »Gun Wharf«, der indische Polizist verschafft uns ein Boot, und wir werden wieder zum alten »Poseidon« gerudert. Hier ist am Promenadedeck reges Leben: jüdische Händler mit schlechten Straussfedern, indische Geldwechsler mit Rupien, mexicanischen Dollars und Maria Theresia-Thalern; Suahelis mit hübschgefärbten Graskörben, Araber aus Hadramaut mit merkwürdigen Fischen und Krabben drängen sich heran, und kleine Somalijungen mit gelbgefärbten Haaren springen für Silberstücke ins Wasser, die sie geschickt herausbringen, – für eine Rupie springen sie auf einer Seite hinein, tauchen unter das Schiff und kommen auf der anderen Seite wieder herauf, – andere umschwärmen in schmalen Canoes den Dampfer, bereit, jeden Augenblick ein weisses Geldstück aus der Tiefe herauszufischen, und alle füllen die Luft mit fürchterlichem Lärm: »Have a dive, have a dive, ha-hi, ha-hi, have a dive, à la mer, à la mer«, so geht es im Takt fort, am lautesten ein etwa 10 Jahre alter Bub mit einem Beine, das andere hat ein Haifisch gefressen, trotzdem schwimmt er frech wie alle anderen herum. Endlich sind wir fertig, die »Natives« werden mit Strickenden zum Schiff hinausgejagt, und wir gleiten um 2 Uhr hinaus in den Ocean; den ganzen Abend höre ich es aber nachklingen: »have a dive, ha-hi«. – Der kleine einbeinige blondköpfige Schwarze war ein lieber Kerl.
CISTERNEN ADEN
6. December.
Fuchs hat uns in Aden verlassen recht niedergeschlagen und traurig, nun allein nach dem entsetzlichen Zanzibar zu müssen und vorher eine ganze Woche im Hôtel de l'Europe zu Steamer Point auf den British India Dampfer warten zu sollen, dazu hat er die ganze Zeit der hübschen Rose Mackenzie auf Leben und Tod den Hof gemacht und das Rothe Meer hindurch gebalzt wie ein Auerhahn. Schade um ihn, er ist ein netter Mensch, der den Orient von Grund kennt. Als er bei Maglaj ins Feuer ritt, rief der General Szapáry: »Der Fuchs muss überall dabei sein, bei jeder Jagd, bei jedem Rennen – aber wenn die Kugeln pfeifen, da ist er auch da!« – Mit seinem Momentapparat hat er uns alle photographirt – gruppenweise und einzeln, – hoffentlich ist es gelungen!
Die Hitze ist weniger drückend als im Erythräischen Meere, aber noch immer arg genug, – die angenehmste Zeit ist mein Morgenplausch mit dem Commandanten, da er mir Erlebnisse aus Ostasien und Indien zum Besten gibt, – wir bewundern dann stets den Kammerdiener Harrison, der mit der Pünktlichkeit der Schiffsuhr um 7 Uhr auf Deck mit den zwei Hunden erscheint und bis 8 Uhr mit denselben herumläuft – ob schön ob schlecht, Schlag 7, d. h. 6 Bells, erscheint er, adrett und rasirt, wie aus der Schachtel gezogen – 8 Bells haben noch nicht ausgeklungen, so verschwindet er wieder, und Bompa, eine schöne englische Setterbitch, und Neptun folgen ihm nach. – Es wird viel gelesen, Biegeleben ist mit der »Reise S. M. Corvette Frundsberg« beschäftigt, ich lese Mantegazza's »India«, Häckel's »Ceylon«, Sir John Strachey's »India«, ein famoses Werk, Johnson's »Oriental Religions«, Schlagintweit's »Indien«, – Sapieha studirt Hübner's »A travers l'Empire Britannique« und Coudenhove lernt mit einem in der zweiten Classe befindlichen Hinduarzte, der soeben in Edinburgh promovirt hat, Hindostani.
7. December.
Das Meer ist wie ein Teich, »not a ripple«, manchmal nur durch fliegende Fische oder durch einen Hai gestört, zuweilen ist eine Schule Delphine zu sehen, auch Black Whales, die ich zuletzt im August an der Küste von Nova Scotia beobachtet. Manche Stunde verbringe ich mit dem Gesandten in der »Steerage«, wo eine ethnologische Sammlung ersten Ranges ausgestellt ist: vor allen fünf Somalis, aus Ebenholz geschnitzte Herculesse, prachtvolle Kerle; zwei Familien aus Hadramaut, der Pater familias hat längere Zeit in Java gelebt und spricht mit Pertile malayisch; ein Jerusalemitanischer Jude, der nur arabisch versteht und uns mit dem wohlbekannten »Marhaba« empfängt, – einige Hindus, die von Aden nach Bombay zurückkehren, schliesslich eine böhmische Musikbande aus Karlsbad, einige der Mädchen sind hübsch, es ist ein Jammer, die armen Leute immer im Freien, ohne Zelt der Sonne ausgesetzt zu wissen; eine der Musikantinnen hat heftiges Fieber, das unser Schiffsarzt, ein alter Südtiroler Dorfbader, der nie aus seinem Canton herausgekommen, kaum heilen dürfte. – Die II. Classe besteht aus dem erwähnten Hindudoctor, aus Harrison und fünf weiteren Missionären, welche sich durch besonderen Bekehrungseifer hervorthun; sie trachten nicht nur die Somalis, die gute Mohammedaner sind, zu convertiren, sondern versuchen auch die dalmatinische Schiffsmannschaft auf bessere Wege zu bringen; Mersa ist wüthend, da sie seinen Matrosen das Arbeiten am Sonntag als Sünde vorhalten.
Von Cap Guardafui und Sokotra war leider nichts zu sehen, da unser Cours zu nördlich ist, dafür erblickten wir die hadramautische Küste von Makalla, eine jetzt wohl eben so wenig bekannte Gegend wie zu Zeiten Wrede's.