Die Untergötter, die Eatuas, sind sehr zahlreich und männlichen und weiblichen Geschlechts. Die männlichen Eatuas werden von den Männern des Volkes, die weiblichen von den Frauen verehrt. Männer und Frauen haben an den Morais ihre besondern Altäre für ihre speziellen Götter. Es gibt nur männliche Priester, doch hat jedes Geschlecht seine eigenen, denn die, die das Amt speziell zur Anbetung der Geschlechtseatuas für das eine Geschlecht versehen, dürfen es für das andere nicht verwalten.
Man glaubt in Otahiti an die Unsterblichkeit der Seele, an ein ewiges Leben nach dem Tode und daran, daß es zwei Orte und verschiedene Abstufungen der Glückseligkeit gibt, was sich mit unsern Begriffen von Himmel und Hölle in etwas deckt. Den obersten Himmel heißen sie Tavirua l'erai; er ist für ihre Herrscher und ihre Vornehmen, der zweite Himmel, der Tiahobuh, ist für das gewöhnliche Volk bestimmt. Sie glauben indes nicht im entferntesten, daß ihre Handlungen in diesem Leben nach dem Tode von ihren Göttern »gewogen und zu leicht befunden würden«, sie sind vielmehr der Meinung, daß ihre Götter mehr zu tun hätten, als sich um die irdischen Handlungen jedes einzelnen von ihnen zu bekümmern. Ihre Religion hat demgemäß keinen Einfluß auf ihre Sitten, aber sie ist dafür auch frei von jedem Eigennutz. Sie beten nicht, auf daß es ihnen auf Erden wohl ergehe, sondern ihre Ehrfurcht vor dem Höchsten entsteht aus dem Bewußtsein ihrer eigenen Niedrigkeit im Vergleich mit der unaussprechlichen und unfaßbaren Erhabenheit der göttlichen Vollkommenheit. Götzen hatten sie nicht; auch der Fetischdienst war ihnen fremd.
Die priesterliche oder Tahowa-Würde ist erblich. Es gibt viele und verschiedenartige Priester, doch ist der Oberpriester gewöhnlich der jüngere Sohn einer sehr vornehmen Familie und dem Range nach die nächste Person nach dem Könige. Der größte Teil der Gebildeten besteht aus den Priestern. Aber die Bildung beschränkt sich auf das Wissen und die Kenntnis der zahlreichen Eatuas und ihres Kultes, sowie der mündlichen Traditionen des Priestertums, die in Weisheitssprüchen festgehalten und in unglaublicher Menge vorhanden sind. Die vornehmeren Priester sind zugleich Ärzte, Astronomen und Schiffahrtskundige. In der Tat bedeutet der Name Tahowa eigentlich nur einen Mann von Wissen und Einsicht. Da nun jeder Stand seine Priester hat, so verwenden die Vornehmen niemals einen Tahowa von der Klasse des gemeinen Volkes, und umgekehrt wird ein Priester der höheren Stände niemals für andere als für seine Standesgenossen zu haben sein.
Mit der Arzneikunst der Priester ist es allerdings nicht weit her; sie besteht hauptsächlich in (Gesund-) Beten. Wenn der Priester seine Kranken besucht, so sagt er gewisse für diese Zwecke verfaßte Gebete her, wickelt die Finger und Zehen des Kranken mit Kokosnußfasern ein, gibt ihm den heilbringenden Zweig irgendeines Strauches in die Hand und kommt und betet so lange, bis der Kranke entweder genesen oder gestorben ist. Ist er gesund geworden, dann hat die »Arznei« geholfen; ist er gestorben, dann ist die Krankheit eben unheilbar gewesen. Was meinen die Leser: ist in dieser Hinsicht das Völkchen von Otahiti wirklich von den europäischen Völkern so sehr verschieden?
Fünftes Kapitel.
Reise nach Huaheine und Ulietea. — Ein Weib als Gastgeschenk. — Eine dramatische Unterhaltung. — Der »furchtbare König«. — Ein Überfall.
Nachdem wir von unsern Freunden Abschied genommen hatten, segelten wir bei gelindem Winde und heiterm Wetter frohgesinnt nach Westen. Wie uns Tupia sagte, waren die Nebeninseln von Otahiti, die er Huaheine, Ulietea, Otaha und Bolabola nannte, bequem in zwei Tagesreisen zu erreichen. Auch seien diese Inseln außerordentlich bevölkert und mit Nahrungsmitteln reich versehen. Wir hatten jedoch bei nebligem Wetter Windstille, so daß wir nur langsam weiterkamen. Tupia betete zu seinem Gotte Tane um Wind, aber er fing erst zu beten an, wenn er aus allen Anzeichen schließen konnte, daß der Wind die Segel blähen würde, bevor er noch mit seinem Gebete zu Ende wäre.
Am 16. Juli erhob sich ein leichter Wind, der uns bald nach Huaheine brachte. Als wir des Morgens um 8 Uhr dem nordwestlichen Teil dieser Insel sehr nahe waren, sondierten wir, konnten aber mit achtzig Klaftern keinen Boden erreichen. Es dauerte nicht lange, so stießen einige Kähne vom Land ab; allein die Insassen kamen erst näher, als ihnen Tupia winkte. In einem der Kähne befand sich der König der Insel mit seiner Gemahlin, die dann in Begleitung ihrer Würdenträger an Bord kamen. Anfangs erstaunten sie und verwunderten sich über alles, was ihnen an Bord gezeigt wurde, allein sie beobachteten eine würdevolle Zurückhaltung; erst nach längerem Aufenthalt tauten sie auf. Der König hieß Orih, und zum Zeichen seiner höchsten Gunst machte er mir den Tausch unsrer Namen zum Vorschlag. Solange wir beisammen waren, nannte er sich König Cookih, denn so sprach er meinen Namen aus, und ich hieß Orih. Diese Insulaner waren größer und stärker als die von Otahiti, die Frauen weißer und schöner, sonst aber waren sie den Bewohnern von Otahiti in Tracht, Sprache, Sitte sehr ähnlich, nur daß sie nicht diebisch waren.
Nach 12 Uhr kamen wir in einem kleinen, aber sehr guten Hafen vor Anker. Ich ging sogleich in Begleitung von Banks, Dr. Solander, Monkhouse, Tupia, König Cookih und den andern Eingeborenen ans Land. Kaum hatten wir einen Fuß auf den Strand gesetzt, so entblößte Tupia seinen Oberkörper und hielt eine Ansprache an den König, der ihm gegenüberstand und ihm von Zeit zu Zeit antwortete, dann tauschten sie Geschenke aus. Nach Abschluß dieser Zeremonie, die wir für einen Freundschaftsvertrag hielten, durften wir uns überall frei und unbelästigt bewegen und konnten gehen, wohin wir wollten. Tupia verfügte sich nach dem Hauptmorai, um dort zu opfern.