Die Ehe ist denn auch hier, wie uns schien, weiter nichts als ein Vertrag zwischen einem Mann und einem Weibe, mit dem der Priester nichts zu tun hat. Wenn dieser Vertrag einmal geschlossen ist, so pflegt er von beiden Seiten gehalten zu werden, doch trennen sich oft die Parteien mit beiderseitiger Einwilligung, und alsdann wird die Ehe so leicht aufgehoben wie sie geschlossen wurde. Kein Wunder, daß Vater und Mutter die Tochter, der Bruder die Schwester, der Mann das Weib aus Gastfreundschaft und um einen Nagel prostituierte. Sowenig auch die Frauen der Eingeborenen vor uns mit Europäern Umgang hatten, so war dieser doch hinreichend, auch über die Insulaner jene fürchterliche Krankheit, die Lustseuche, zu bringen, durch die die von den Spaniern in Amerika verübten Grausamkeiten gerächt worden sind. Da es erwiesen ist, daß außer mir nur Kapitän Wallis und Herr von Bougainville hierher gekommen sind, und da Kapitän Wallis aus seinen Schiffspapieren bewiesen hat, daß keiner seiner Leute krank war, ich aber bei meiner Ankunft fand, daß diese Pest auf der Insel die fürchterlichsten Verheerungen angerichtet hat, so steht fest, daß sie von den Leuten Bougainvilles eingeschleppt worden ist. Einer von unsern Leuten wurde angesteckt. Dies gab uns Veranlassung, unter den Eingeborenen Nachforschungen anzustellen, und sie erzählten uns, daß die »Fäulnisseuche«, wie sie sie nannten, von jenen Schiffen eingeschleppt worden sei, die fünfzehn Monate vor uns auf der östlichen Seite der Insel vor Anker gelegen hatten, also von den beiden Schiffen des Herrn von Bougainville. Zum Troste fanden wir, daß die Eingeborenen Heilkräuter dagegen entdeckt hatten. Hätten wir ihre Sprache besser verstanden und ihre Heilmittel wider diese Seuche erfahren können, so wären wir ihnen sehr dankbar gewesen, denn als wir die Insel verließen, fand sich, daß mehr als die Hälfte des Schiffsvolks von diesem Übel angesteckt war.

Indianer vom Feuerland in ihrer Hütte. Nach einem alten Stiche.

Das Volk ist schön gewachsen. Die Männer sind groß, stark, von schönem Gliederbau und durchaus ansehnliche, stattliche Leute. Der größte, den wir sahen, Huaheina, maß 6 Fuß, 4½ Zoll. Die Frauen von Stand sind über europäisches Mittelmaß groß und ausnehmend schön gewachsen. Die Frauen aus dem Volke sind etwas kleiner, was von ihrem frühen Geschlechtsverkehr herrühren mag. Denn außer diesem Umstand wüßte ich nichts, was sie von den vornehmen Frauen unterscheiden sollte und zugleich dem Wachstum so nachteilig wäre wie dieser. Die Hautfarbe ist von heller Oliven- oder Brünettentönung, die viele Europäer dem schönsten Weiß vorziehen. Bei den Leuten, die mehr dem Wind und der Sonne ausgesetzt sind, ist sie natürlich dunkler. Die vornehmen Frauen haben eine ungemein glatte, samtweiche Haut, ihre Gesichtszüge sind wohlgebildet, nur ist die Nase meist etwas flach. Dagegen sind ihre Augen voller Ausdruck, bald glühen sie wie Feuer, bald sind sie zärtlich schmachtend. Die Zähne sind fast ohne Ausnahme ungemein schön, ebenmäßig und glänzend weiß. Der Atem ist rein und von allen unangenehmen Gerüchen frei. Die Haare sind durchgehends glänzend schwarz und nur etwas grob. Die Männer tragen Bärte, von denen sie meist die Wangenhaare ausrupfen. Beide Geschlechter entfernen auch die Haare der Achselhöhle mit den Wurzeln und hielten es für unreinlich, daß wir es nicht ebenso machten. In ihren Bewegungen bemerkt man zugleich Stärke und Elastizität; ihr Gang ist angenehm, ihre Gesten sind edel, und ihr Betragen gegen Fremde und gegeneinander ist höflich und zuvorkommend. Ihrer Gemütsart nach sind sie ritterlich, tapfer, offenherzig, freimütig und ohne Argwohn, Falschheit, Hinterlist, Grausamkeit und Rachsucht. Deshalb setzten wir auch das Vertrauen in sie, das man in seine besten Freunde setzt. Viele von uns, so Herr Banks insbesondere, schliefen allein mit ihnen mitten im Walde und waren folglich ganz in ihrer Gewalt. Dagegen waren sie insgesamt diebisch und ausschweifend. Auch trafen wir mehrere Albinos unter ihnen.

In den meisten Ländern pflegen die Männer ihre Haare zu schneiden und die Frauen ihr Haar lang zu tragen. In Otahiti ist es umgekehrt, denn hier schneiden die Frauen ihr Haar kurz, während es die Männer mit Ausnahme der Fischer in großen Locken über die Schulter wallen lassen oder in Buschform aufknüpfen. Da sie keine Kämme haben und ihr Haar mit Kokosnußöl fetten, so können sie ihren Kopf auch nicht rein von Ungeziefer halten. Die Kinder und die gemeinen Leute machen es wie die Affen, sie speisen ihr Ungeziefer auf. Diese häßliche Gewohnheit widerspricht ihren Vorzügen einer peinlichen Reinlichkeit, denn sie baden und waschen sich oft und gern. Unsre Freunde, denen wir Kämme schenkten, reinigten sich das Kopfhaar so eifrig und sorgfältig, daß man wohl bemerken konnte, wie unangenehm und ekelhaft ihnen dieses Parasitentum war.

Auch pflegen sie insgesamt ihren Körper trotz der Schmerzhaftigkeit der Operation mit einer gezähnten, aus einer scharfen Muschel hergestellten Klinge zu tätowieren, und zwar mit Bildern, Zeichen, Halbmonden usw. je nach dem Rang und dem ortsüblichen Geschmack. Hauptsächlich werden die Gesäßteile vom Schenkel bis zu den Rippen hinauf mit dunkelschwarzen Tätowierungen, Figuren und Bogenlinien überladen, worauf Männer wie Frauen so stolz sind, daß sie sie mit demselben Vergnügen zeigen, wie wir etwa eine Gemäldesammlung. Nur das Gesicht bleibt frei. Herr Banks wohnte einmal einer solchen Operation bei: es handelte sich um ein dreizehnjähriges Mädchen, dem ein Gesäßteil tätowiert werden sollte. Das bei dieser Operation gebrauchte Instrument hatte dreißig Zähne. Auf jeden Schlag auf das Instrument, deren in einer Minute wenigstens hundert getan wurden, kam eine wässerige Feuchtigkeit, die mit Blut gefärbt war, auf der Haut zum Vorschein. Das Mädchen hielt die Qualen mit stoischer Tapferkeit ungefähr eine Viertelstunde aus, dann aber überwältigten sie die Schmerzen. Sie begann sich zu sträuben, weinte und flehte ihre Peiniger um Erbarmen an. Zwei Weiber hielten die Ärmste fest, liebkosten, schalten und schlugen sie, um sie willfährig zu machen. Banks wartete eine Stunde; als er sich entfernte, war die Tätowierung nicht einmal in ihrem schmerzlichsten Teil vollendet.

Die Insulaner verfertigen den Stoff zu ihrer Kleidung hauptsächlich aus der Rinde des chinesischen Papiermaulbeerbaums, des Brotbaums und einer Feigenart. Sie färben ihn scharlachrot und gelb; ihre rote Farbe, die sie aus der Frucht der Matefeige und den Blättern der Cordia pressen, ist glänzender und feiner als die, die wir in Europa haben. Aus der Rinde des Poerou verfertigen sie die feinen Mattengewebe, die sie bei Regenwetter tragen, dem ihre Tuchkleider nicht standhalten. Die Kleidung der Frauen von Rang besteht aus dem Parou, der 6 Fuß breit und 33 Fuß lang ist und den sie rockähnlich um den Unterleib wickeln; ferner aus der Tebuta, die dem Poncho der Südamerikaner ähnelt, und aus einem Gürtel. Die Kleidung der Männer ist die nämliche: nur tragen sie den Parou nicht als Rock, sondern als Hose, die sie Maro nennen. Während der heißen Jahreszeit gehen sie fast ganz nackt. Die Frauen aus dem Volke tragen dann nur einen dünnen Unterrock, die Männer nichts als ein Lendentuch. Auch die Frauen von Stand legen alles, was sie am Oberkörper tragen, in Gesellschaft und zu Hause so gleichgültig weg, wie unsre Damen ihren Hut und ihren Mantel ablegen. Auch die Häuptlinge trugen vielfach nichts weiter als einen Lendenwulst, der allerdings aus so viel Tuch zusammengewickelt war, daß man bequem ein Dutzend Personen damit kleiden könnte. Die Kinder pflegen ganz nackt zu gehen, die Mädchen bis zum vierten Jahre, die Knaben bis zum siebenten. Männer wie Frauen tragen kleine Muscheln, Beeren, rote Erbsen, kleine Perlen und Glaskorallen als Ohrringe, aber nur an einem Ohr, und als Haarschmuck Blumen und schöne Federn. Die vornehmen Frauen tragen zum Schutze gegen die Glut der Tropensonne kleine Mützen und den Tomou, einen aus Haaren gewebten Turban, der aufgewickelt über eine englische Meile lang ist. Herr Banks kaufte einen Tomou von dieser Länge, der nicht einen Knoten aufwies, so kunstvoll war das Gewebe. Die gütige Natur, die hier so fruchtbar ist, daß diesem glücklichen Völkchen der biblische Fluch: »du sollst dein Brot im Schweiße deines Angesichts verdienen!« nicht gilt, gewährt jeder Frau zu dieser Webarbeit reichlich Zeit.

Es berührte uns sehr eigentümlich, daß dieses gesellige, üppige Völkchen bei seinen Mahlzeiten die Geschlechter scheidet. Stets speisen die Männer und die Frauen gesondert, auch in der Familie. »Wir essen allein, weil es sich so schickt!« sagten sie, wenn wir nach dem Grunde fragten, und sie gaben ihrem Ekel darüber Ausdruck, daß wir mit unsern Frauen zusammen speisen würden. Wenn einer von uns mit einem Mädchen allein war und sie einlud mit ihm zu speisen, dann tat sie uns zwar den Gefallen, wir mußten ihr aber schwören, nichts darüber verlauten zu lassen, denn wenn dieser Verstoß gegen die gute Sitte ruchbar würde, wäre es um ihren Ruf geschehen. Wenn wir zufällig einmal in einem Hause den Korb anrührten, worin sich die für die Frauen des Hauses bestimmten Speisen befanden, so konnten wir sicher sein, daß von den ältern Weibern die Speisen mit dem Korbe weggeworfen wurden.

Ich kann den Bericht über das häusliche Leben dieses Völkchens nicht schließen, ohne seiner persönlichen Reinlichkeit rühmend zu gedenken. Männer, Frauen, Knaben und Mädchen baden tagtäglich dreimal in fließendem Wasser: einmal am Morgen, dann zu Mittag und schließlich am Abend, bevor sie zur Ruhe gehen, einerlei ob der Fluß und die See in der Nähe sind oder ob sie meilenweit zu gehen haben. Auch waschen sie Mund und Hände fast nach jedem Bissen, ebenso reinlich halten sie ihre Kleidung. Ich glaube, daß man dieses Lob nicht einmal den vornehmsten Gesellschaftsklassen in Europa erteilen kann.

Über die Religion unserer braunen Freunde konnten wir nur wenig erfahren. Was wir sahen, war in mystische Gebräuche gehüllt und durch handgreifliche Widersprüche verwirrt, wie in andern Religionen ja auch. Der Umstand, daß auf Otahiti wie in China die gottesdienstliche Sprache von der Landessprache abweicht, erschwerte uns das Eindringen in dieses Mysterium ganz bedeutend. Tupia gab sich zwar viele Mühe uns zu unterrichten, weil er dies aber in seiner Priestersprache tat, von der wir nichts verstanden, so erfuhren wir nur sehr wenig. Wie alle Menschen von primitiven Religionsbegriffen glauben auch die Eingeborenen von Otahiti, daß die Welt auf dem Wege der Zeugung — von der die Existenz zweier Personen von verschiedenem Geschlecht unzertrennlich ist — erschaffen worden sei. Die höchste Gottheit nennen sie Taroathaihetumuh; die zweite, die weibliche, die ihrem Wahne nach ein Felsen gewesen ist, Tepapa. Eine Tochter beider war Tettowmatayo oder das Jahr, denn so pflegen sie auch die dreizehn Monde ihres Jahres zu benennen. Diese Tochter zeugte mit ihrem Vater die Monate, und die Monate paarten sich und zeugten die Tage. Die Sterne sind teils unmittelbare Abkömmlinge des ersten Paares, teils haben sie sich untereinander selbst fortgepflanzt. Eine ähnliche Anschauung haben sie von der Entstehung der verschiedenen Gattungen der Pflanzen. Zu den Abkömmlingen Taroathaihetumuhs und der Tepapa zählen sie auch das zahlreiche Geschlecht ihrer Untergötter, die Eatuas. Zwei von diesen waren die Eltern des ersten Menschen, der in Kugelform geboren wurde und den seine Mutter zu seiner jetzigen Gestalt reckte und streckte und Eothe, d. i. »Vollendet« nannte. Eothe zeugte mit seiner eigenen Mutter eine Tochter und mit dieser einen Sohn und mehrere Töchter, mit denen Eothes Sohn die Welt bevölkerte. Taroathaihetumuh zeugte mit der Tepapa auch einen Sohn, den Tane, zu dem die Insulaner, die den obersten Gott »den Urheber der Erdbeben« nennen, am liebsten beten, weil sie glauben, daß Tane der hervorragendste Sachwalter der Menschen im Himmel sei.