Viertes Kapitel.
Im Hause der Oberea. — Eine Desertion. — Unanständige Tänze. — Die Lustseuche. — Körperschönheit, Sitten und Gebräuche der Bewohner von Tahiti.
Wir waren nach mehrstündigem Rudern in der Nähe von Paparra angekommen, dem Landesteil, der unserm Freunde Oamo und unserer diebischen Freundin Oberea erbeigentümlich gehörte. Wir hatten beschlossen, dort zu übernachten, hörten aber bei unsrer Landung, daß unsre Freunde nach Matavai gegangen wären, um uns dort zu erwarten. Wir quartierten uns trotzdem in dem kleinen, sehr geschmackvoll ausgestatteten Hause der Königin ein, deren alter Vater uns auf das gastfreundlichste empfing. Nachdem wir uns ausgeruht und gestärkt hatten, machten wir einen Spaziergang nach der Landspitze hin, auf der wir von weitem etwas gesehen hatten, eine Art von Trauerbäumen, die die Eingeborenen um ihre Morais herum zu pflanzen pflegen.
Wir waren überrascht, dort ein ungeheures Bauwerk zu finden, das, wie man uns sagte, der Morai der Oamo und der Oberea und zugleich das größte Meisterwerk indianischer Baukunst auf der ganzen Insel war. Dieser Grabbau war ganz von Stein pyramidenförmig auf einem Fundament von 267 Fuß Länge und 87 Fuß Breite in elf Staffeln von 4 Fuß Höhe errichtet. Jede Staffel oder Stufe war aus einer Reihe weißer Korallensteine erbaut, die regelmäßig viereckig gehauen und geglättet waren; die übrigen Teile bestanden aus runden, bearbeiteten, ganz gleichen Kieselsteinen. Einige von den Korallenquadern waren 4½ Fuß lang und 3½ Fuß breit. Unter den gewöhnlichen Felsenquadern fanden wir einen, der 4 Fuß 7 Zoll lang und 2 Fuß 4 Zoll breit war. Ein solches Gebäude, von einem Volke aufgeführt, das weder eiserne Werkzeuge für die Steinhauerarbeiten noch den Mörtel unsrer Mauern kannte und doch so gut und dauerhaft wie die besten unter unsern Baumeistern baute, mußte uns in sprachloses Erstaunen setzen. In der ganzen Gegend entdeckten wir keinen Steinbruch, also mußten die Quadern aus großer Entfernung hergeschafft worden sein. Allein mit welcher Mühe! Zumal da den Eingeborenen unsre Transportmittel, Wagen und Pferde fehlen! Die Korallenblöcke mußten aus der Meerestiefe heraufgeholt werden! Und dann die Bearbeitung und Glättung des rohen Gesteins, die sie nur mit Steinwerkzeugen bemeistern konnten! Eine unglaublich mühsame Arbeit auf alle Fälle. Das Glätten konnte mit dem sehr scharfen Korallensande wohl leichter bewerkstelligt worden sein, aber auch hier fehlt uns der Maßstab für die Berechnung und Bewertung. Mitten auf dem Gipfel dieser veritabeln Pyramide stand ein aus Holz geschnitzter Vogel, neben ihm lag ein aus Stein gehauener Fisch, der aber zerbrochen war. Die ganze Pyramide nahm die Seite eines Platzes ein, der 360 Fuß lang, 354 Fuß breit, im Innern mit flachen, breiten Steinen regelmäßig gepflastert, von einer Steinmauer umgeben und mit Trauerbäumen bepflanzt war. Etwa 300 Schritte von diesem imponierenden Mausoleum entfernt befand sich ein anderer gepflasterter Hof, worin etwa 7 Fuß hohe Gerüste, sogenannte Ewattas, aufgerichtet waren, auf denen die Opfer für die Totengötter dargebracht wurden. Ein schöner Morai wird hier als Maßstab des Ranges betrachtet, und der der Oberea ist ein sehr ins Auge fallender Beweis von der früheren Macht und dem Reichtum dieser Königin.
Als wir am Strande zurückgingen, fanden wir den ganzen Weg mit Menschenknochen dicht besät. Auf unsre Frage erzählte man uns, daß etwa fünf Monate vor unsrer Ankunft das Volk von der südöstlichen Halbinsel, die wir soeben bereist hatten, gelandet sei, eine große Menge der Untertanen Oamos niedergemacht, viele Häuser vernichtet und fast alle Tiere, den Reichtum des Königs, geraubt habe. Die Kinnbacken, die wir gesehen hatten, seien von ihnen als Siegeszeichen mitgenommen worden. Oamo und Oberea seien damals ins Gebirge geflüchtet und halb ruiniert worden. Dieser Überfall erklärte uns auch, warum Oberea nicht mehr so viel Macht und Ansehen besaß wie zu der Zeit, wo Kapitän Wallis hier war. Wir kehrten nach der Residenz der Königin zurück und übernachteten daselbst in voller Ruhe und Sicherheit. Am folgenden Abend kamen wir nach Atahourou, der Residenz unseres Freundes Tootahah, der uns mit vieler Freude beherbergte, und am nächsten Tag, Sonnabend, den 1. Juli, zogen wir wieder in unser Fort zu Matavai ein. Zu unserm Empfang strömten unsre indianischen Freunde herbei, und keiner kam mit leeren Händen.
Wir bereiteten nunmehr unsre Abreise vor. Der Wasservorrat war bereits an Bord und der Proviant wurde energisch ergänzt. In dieser Zeit besuchte uns Oamo mit der Oberea und ihren Kindern Terridiri und Toimata. Letztere war sehr begierig, das Fort zu besichtigen, allein ihr Vater gab es nicht zu. Auch Tearih hatte sich zu dieser Zeit eingestellt. Am 7. rissen unsre Zimmerleute das Tor und die Palisaden des Forts ein und zerkleinerten das Holzwerk zu Brennholz. Tags darauf schleiften wir die Festung. Um Mitternacht desertierten zwei junge Seesoldaten, Clement Webb und Samuel Gibson, im Einverständnis und mit Hilfe der Sippen ihrer jungen indianischen Geliebten, um diese zu heiraten und auf der Insel zurückzubleiben. Die Deserteure wurden mir erst ausgeliefert, als ich den Tootahah, die Königin und andre Häuptlinge mit ihren Frauen als Geiseln an Bord des Schiffes zurückbehielt, worüber sie nicht besonders mißvergnügt schienen. Wir söhnten uns nach diesem Zwischenfall vollständig mit unsern Freunden aus, die einsichtsvoll genug waren mein Verfahren zu begreifen. In dieser Nacht wurde alles, was wir noch an Land hatten, an Bord gebracht.
Unter den Eingeborenen, die fast beständig um uns waren, befand sich Tupia, der zur Zeit der Macht der Oberea ihr erster Minister und der oberste Tahowa oder Oberpriester der Insel war. Er war ein guter Kenner von Land und Leuten, der Religion und der Sitten seiner Heimat. Auch besaß er große Erfahrung in der Schiffahrt seines Landes und eine ungemeine Kenntnis von der Anzahl und der Lage der benachbarten Inseln. Dieser hervorragende Mann kam am 12. mit seinem Diener Tayeto, einem dreizehnjährigen Knaben, an Bord und bat uns inständig, ihn auf unsre Reise mitzunehmen. Zu unserm Glücke wurde das Anliegen einstimmig angenommen. Indessen fand sich, daß das Holz unserer Buganker von Würmern zerfressen war und ersetzt werden mußte. Tupia machte sich diesen kurzen Aufschub zunutze; er ging noch einmal an Land und nahm ein Porträt Banks', um es seinen Freunden zu zeigen, und verschiedene Kleinigkeiten als Andenken für diese mit. Wir besuchten nochmals Tootahah, bei dem wir die Oberea und unsern Freund Tupia fanden, der in dieser Nacht zum erstenmal an Bord schlief.
Am folgenden Morgen, Donnerstag, den 13. Juli 1769, wurde das Schiff sehr früh von unsern sämtlichen Freunden besucht und von einer Menge Kähne umringt, die von Eingeborenen niedern Standes dicht besetzt waren. Zwischen 11 und 12 Uhr lichteten wir die Anker. Sobald das Schiff unter Segel war, nahmen die an Bord befindlichen Häuptlinge und ihre Frauen rührenden Abschied von uns, wobei es nicht ohne Tränen abging. Auch das Volk in den Kähnen klagte laut. Tupia bewies bei diesem rührenden Auftritt eine wahrhaft bewundernswerte Standhaftigkeit und Entschlossenheit, trotz der Tränen, die er vergoß. Er machte der Lieblingsfrau Tootahahs, der Potomai, zum Abschied noch ein Hemd zum Geschenk; dann stieg er mit Banks in den Mastkorb, von wo er seinen scheidenden Freunden seine letzten Grüße zuwinkte. So nahmen wir nach dreimonatigem Aufenthalt Abschied von den gastlichen Gestaden der schönen Insel und unsern lieben Freunden, mit denen wir in letzter Zeit ziemlich handeln mußten, weil sie unsre Nägel im Kurs stark herabgesetzt hatten. Durch den Diebstahl der Nägel seitens eines Teiles der Bemannung waren die Insulanerinnen in der Lage, die Nägel viel leichter als durch den Verkauf von Lebensmitteln zu erwerben. Zuletzt mußten wir für ein Milchschwein von zehn Pfund ein Beil bezahlen, ein Umstand, der unsre Abreise wesentlich beschleunigte.
In allen Ländern hält man die Mädchen und Jungfrauen von Dingen fern, die sich auf den Verkehr mit dem andern Geschlechte beziehen. Hier findet das gerade Gegenteil statt. Unter andern Lustbarkeiten hat man auf Otahiti einen von jungen Mädchen zu tanzenden Tanz, den Timorodi, der in Gebärden und in Bewegungen besteht, die höchst unzüchtig sind, und der ihnen in frühester Jugend eingeübt wird. Während dieses Tanzes, mit dem wir oft empfangen wurden, stoßen sie die unanständigsten Worte aus. Allein das, was den Mädchen erlaubt ist, ist den verheirateten Frauen durch die Sitte streng verboten. Nach allem bisher Gesagten ist es klar, daß unter ihnen die Keuschheit nicht sehr hoch geschätzt wird. Doch alle Vorstellungen, die man sich darüber machen kann, sind nicht hinreichend, die Ausschweifungen dieses Volkes in ihrem ganzen Umfang zu charakterisieren. Denn es gibt hier einen Grad von ausgelassener Üppigkeit, den kein andres Volk je erreicht hat. Eine große Anzahl der vornehmsten Leute in Otahiti gehören einer Geheimgesellschaft an, in der der Weiberkommunismus herrscht. Diese Gesellschaften werden die Arreoys genannt. Hier tanzen die Frauen den Timorodi mit mänadenhafter Üppigkeit. Die Folgen dieser Orgien werden durch Mord beseitigt, und in dieser Gesellschaft ist der Name »Mutter« ein Schimpfwort. Wir haben verschiedene Mitglieder der Gesellschaft befragt. Sie waren weit davon entfernt, ihre Mitgliedschaft als Schande zu betrachten. Im Gegenteil, sie rühmten sich ihrer und bekannten, daß sie noch immer Mitglieder wären, und daß sie verschiedene Kindsmorde begangen hätten.