Entdeckung der australischen Ostküste. — Die Macht der Feuerwaffen. — In der Botanybai. — Gefährliche Havarie. — Wir retten das Schiff.

Am 28. März erblickten wir Land[6]. In der Nacht segelten wir der Küste entlang nach Norden. Sobald der Tag anbrach, sahen wir eine Bai. Da sie gegen Winde geschützt zu sein schien, so nahm ich mir vor, mit dem Schiff einzulaufen. Wir kamen denn auch etwa zwei Seemeilen von der Einfahrt in sechs Klaftern Wasser vor Anker. An dieser Stelle hatten wir die südliche Landspitze der Bai im Südosten und die nördliche im Osten. Während der Einfahrt hatten wir daselbst einige Hütten und eine Anzahl Eingeborene gesehen; unter der südlichen Landspitze bemerkten wir vier kleine Kähne mit je einem Mann an Bord. Die vier waren mit der Fischjagd beschäftigt und so eifrig bei der Arbeit, daß sie uns nicht bemerkten, obwohl wir in einer Entfernung von kaum einer englischen Viertelmeile an ihnen vorübersegelten.

Der Ankerplatz des Schiffes lag einem kleinen, ungefähr aus acht Hütten bestehenden Dorfe gegenüber. Als wir das Boot freimachten, sahen wir eine alte Frau in Begleitung von drei Kindern aus dem Gehölze kommen. Sie trug eine Ladung Brennholz. Am Dorfe kamen ihr noch drei Kinder entgegen. Während sie im Freien Feuer anmachte und mit den Vorbereitungen zur Herrichtung eines Mahles beschäftigt war, blickte sie zwar oft nach dem Schiffe aus, schien aber völlig unbesorgt zu sein. Unterdessen kamen auch die Fischer mit ihren Kähnen zurück, landeten, zogen ihre Kähne an das Land und kochten sich ihr Essen. Von uns nahmen sie kaum Notiz. Die vier Männer gingen wie die Kinder völlig nackt; selbst die Frau trug nicht einmal ein — Feigenblatt. Um die Mittagszeit ließ ich die Boote bemannen, und wir ruderten direkt nach dem Dorfe hin, überzeugt, daß uns die Wilden, die unsre Anwesenheit so gleichgültig ließ, die Landung nicht streitig machen würden. In dieser Erwartung sahen wir uns getäuscht; denn kaum waren wir in der Nähe der Felsen, als zwei von den Männern, die mit langen Lanzen und Keulen bewaffnet waren, herankamen, uns in ihrer rauhen, übeltönenden Sprache die Landung verboten und entschlossen Vorbereitungen zur Verteidigung ihrer Küste trafen. Ich bewunderte ihren Mut und versuchte sie durch Zeichen und kleine Geschenke freundlicher zu stimmen.

Die Wilden hoben zwar die Nägel und Glaskorallen, die ich ihnen zuwarf, mit Vergnügen auf, widersetzten sich aber ebenso energisch unsrer Landung. Ich feuerte einen Schreckschuß gegen sie ab. Allein sie begannen daraufhin Steine gegen uns zu schleudern. Wir feuerten sodann einen Schrotschuß ab, der den einen von ihnen in die Beine traf; er rannte sofort nach einer der Hütten. Wir stiegen unterdessen ans Land. Kaum waren wir aus dem Boote, als der Verwundete mit seinem Schilde zurückkam und mit seinem jüngern Gefährten ein paar Lanzen gegen uns schleuderte, die zum Glück niemand verwundeten. Ich ließ einen zweiten Schrotschuß gegen die tapfern Burschen abfeuern, worauf sie dann flüchteten. Da Herr Banks von vergifteten Waffen sprach, so hielt ich es nicht für ratsam, die beiden in den Wald verfolgen zu lassen. Wir gingen aber nach den Hütten hin und fanden in einer von ihnen die Kinder hinter Schilden und Baumrinden versteckt. Wir begnügten uns jedoch damit, einige verstohlene Blicke auf sie zu werfen und die Knirpse in dem Wahn zu lassen, als hätten wir sie nicht bemerkt. Beim Weggehen legten wir Bänder, Glaskorallen, kleine Stücke Tuch und andre Geschenke hin, nahmen aber sämtliche Lanzen, etwa fünfzig an der Zahl, als Siegesbeute mit. Die Lanzen waren sechs bis fünfzehn Fuß lang und hatten gleich einer Fischgabel vier Zinken. Als wir die Kähne untersuchten, fanden wir, daß sie von allen, die wir bisher untersucht hatten, die primitivsten waren und aus Baumrinde bestanden, die in der Mitte durch hineingeklemmte Knüppel auseinandergehalten wurde, an den beiden Enden aber zusammengezogen und gebunden war. Wir suchten hierauf nach frischem Wasser, fanden aber nichts. Nachdem wir die eroberten Lanzen an Bord verbracht hatten, ruderten wir zur nördlichen Landspitze der Bai hinüber, wo wir bei unsrer Einfahrt eine Horde Wilder erblickt hatten, fanden sie aber verlassen. Am andern Morgen entdeckten wir einen kleinen Bach und ergänzten hier unsern Wasservorrat.

Das Dorf war verlassen. Unsre Geschenke lagen unberührt da. Als jedoch die Holzfäller und unsre Wasserleute eine Pause machten und an Bord zurückkehrten, erschien ein Dutzend Wilder, die unsre Fässer anstaunten und dann ihre Kähne in Sicherheit brachten. Am Nachmittag erschien ein Trupp bewaffneter Eingeborener in der Nähe der Wasserstelle, war aber nicht zum Näherkommen zu bewegen. Am Abend fing ich mit den Herren Banks und Dr. Solander mit dem großen Netz in wenigen Zügen drei Zentner Fische, die unter das Schiffsvolk verteilt wurden. Am folgenden Morgen erschienen die Wilden wieder in ihrem Dorf. Wir hörten sie laut rufen und sahen sie auch am Strande. Kurz darauf zogen sie sich in ihre Wälder zurück, wo sie an verschiedenen Stellen Feuer anzündeten.

An diesem Abend verschied der Matrose Forby Sutherland. Am nächsten Morgen beerdigten wir ihn an der Wasserstelle. Zu seinem Andenken taufte ich die südliche Spitze der Bai Sutherland-Point. Kurz darauf trat ich mit den Herren Banks und Dr. Solander und sieben Leuten der Besatzung eine Forschungsreise an. Wir fanden viele Hütten und Lagerplätze der Wilden, begegneten aber niemand. Die Kühnheit, womit uns die Wilden bei unsrer Landung begegneten, und die namenlose Furcht, mit der sie jetzt bei unserm Herannahen zu flüchten und sich zu verkriechen pflegten, standen in gewaltigem Gegensatz. Wir erklärten diese Wandlung mit der Wirkung unsrer Schußwaffen, die sie von ihren Verstecken aus aufmerksam beobachteten.

Die große Menge verschiedenartiger Pflanzen, die die Herren Banks und Dr. Solander hier sammelten, gab mir Veranlassung, die Bai die Botanybai zu nennen; sie liegt in der südlichen Breite von 34 Grad und in der westlichen Länge von 208 Grad 37 Minuten. Sie ist geräumig, sicher und bequem. Die Anwohner der Bai, die uns zu Gesicht kamen, gingen splitternackt; sie schienen nicht zahlreich zu sein und lebten in vereinzelten Familien. Ihre Hauptnahrungsmittel waren Muscheln, Krebse und Fische. Von ihrer Lebensweise konnten wir nichts erfahren, da sie sich uns fernhielten.

Am 6. Mai 1770 segelten wir aus der Botany-Bai hinaus und steuerten bei leichtem Nordwestwind, der sich bald nach Süden drehte, nach Nordnordost längs der Küste hin. Am Mittag befanden wir uns einem Hafen gegenüber, den ich Port Jackson taufte. Je weiter wir uns von der Botanybai entfernten, desto gebirgiger wurde das Land; die Aussicht zeigte abwechselnd Berg und Tal, Hügel und Ebenen, die ziemlich waldreich waren. Wir hatten bereits 1300 englische Seemeilen ohne Unfall an einer gefährlichen, klippenreichen Gegend zurückgelegt. An einem Kap, das in der südlichen Breite von 16 Grad 6 Minuten und in der westlichen Länge von 214 Grad 39 Minuten liegt, sollte uns das Verhängnis erreichen. Es war am späten Abend, als wir fast plötzlich in 12, 10 und 8 Klafter Wasser gerieten. Um 10 Uhr fanden wir 20 Klafter; alle Gefahr schien beseitigt und wir begaben uns zur Ruhe. Um 11 Uhr nahm die Tiefe plötzlich wieder bis auf 7 Klafter ab; das Schiff saß kurz danach fest und senkte und hob sich knirschend mit den Wellen. Dadurch aber schlug es nur um so heftiger auf die schroffen Spitzen der Klippe, worauf es gestrandet war. In ein paar Sekunden befand sich alles auf Deck, und jeder las aus den Mienen der andern die Größe der Gefahr ab, in der wir schwebten. Jeder wußte, daß wir fern von der Küste auf eine Korallenklippe aufgelaufen waren und nur durch ein Wunder gerettet werden konnten. Ich ließ sogleich die Segel reffen, die Boote aussetzen und das Wasser sondieren. Unsre Lage war verzweifelt genug: die Wellen hatten das Schiff über den Rand der Klippe gehoben und in eine Vertiefung eingeklemmt. Wir warfen die Anker am Hinterteil aus, wo tiefes Wasser war, und versuchten das Schiff mit der Schiffshaspel loszuwinden, aber es war nicht von der Stelle zu bringen. Dabei schlug es unaufhörlich auf, und beim Mondschein sahen wir Bretter von der Schiffswand und zuletzt auch den Afterkiel abschwimmen. Ein jämmerlicher Anblick, der uns so erschütterte, daß wir die See bereits als unser Grab betrachteten.

Indes war es nicht an der Zeit solchen Gedanken nachzuhängen. Wir ließen das Wasser aus den Fässern laufen und heraufpumpen. Sechs Kanonen, die auf dem Verdeck standen, unsern Ballast an Eisen und Steinen, Fässer, Krüge usw. warfen wir über Bord. Jedermann arbeitete unermüdlich und mit aller Energie, und keinem, selbst dem Rohesten nicht, entfuhr dabei ein Fluch. Mit einem Dankgebet begrüßten wir den jungen Tag. Wir sahen jetzt, daß wir etwa 8 Seemeilen vom Land entfernt waren. Zum Glück trat nun eine Windstille ein; bei starkem Winde wäre das Schiff in Stücke zerschellt. Als die Flut wieder eintrat, führten wir die Anker wieder aus, um den Versuch zu erneuern, das Schiff, falls es durch die Flut flott würde, über die Klippe zu heben. Allein zu unserm Entsetzen war die Flut am Tage niedriger als in der Nacht; wir mußten also die Mitternachtsflut abwarten und den Tag über mit zwei Pumpen das eingedrungene Wasser aus dem Schiff pumpen.

Um 5 Uhr des Abends bemerkten wir, daß die Flut sich einstellte, wir machten aber auch gleichzeitig die fürchterliche Entdeckung, daß das Leck sich immer mehr vergrößerte. Wir mußten unsre letzte Pumpe in Aktion treten lassen. Um 9 Uhr richtete sich das Schiff wieder auf. Das Leck hatte sich aber so vergrößert, daß wir befürchten mußten, nach dem Flottbringen des Schiffes dem sofortigen Untergang geweiht zu sein. Wir wußten wohl, daß weder die Anzahl noch die Größe unsrer Boote ausreichte, uns alle ans Land zu führen. Wir wußten, daß, wenn jener fürchterliche Augenblick da war, ein entsetzlicher Kampf um die Boote entstehen würde. Wir wußten aber auch, daß das Los der Unglücklichen, die mit dem Schiffe ihren Untergang finden mußten, im Vergleich mit dem Schicksal, das die Schiffbrüchigen in diesem wilden Lande erwartete, beneidenswert war. Wer das vor Augen hatte, der kann von sich sagen, daß er den Tod in seiner fürchterlichsten Gestalt kennengelernt hat. Als der Augenblick sich näherte, der über unser Schicksal entscheiden sollte, konnte jeder das, was er selber fühlte, auf dem Gesichte seiner Leidensgefährten ausgedrückt finden.