Inzwischen wurden so viele Leute, als beim Pumpen entbehrlich waren, an die Winde und den Haspel gestellt. Ungefähr 20 Minuten nach 10 Uhr wurde das Schiff flott. In demselben Augenblick wurden Winde und Haspel mit der äußersten Kraft angezogen. Dadurch wurde das Schiff von der Klippe glücklich in tiefes Wasser hinabgehoben. Zu unsrer Freude fanden wir, daß das Schiff hier nicht mehr Wasser einließ als auf der Klippe. Und mit neuem Mut kämpfte die Mannschaft an den Pumpen die ganze Nacht hindurch mit dem eindringenden Wasser. Nach vierundzwanzigstündigem Ringen aber ermatteten auch die Tapfersten unter uns, und selbst die Mutigsten verzweifelten an der Rettung.

Die Leute waren so übermüdet, daß sie es kaum länger als fünf Minuten an den Pumpen aushalten konnten; sie fielen auf dem nassen Verdeck sofort in tiefen Schlaf, aus dem man sie zur Ablösung rütteln mußte. Als sich am Morgen herausstellte, daß das Wasser im Schiffsraum nachgelassen hatte, schöpfte jeder wieder neuen Mut und arbeitete mit frischen Kräften. Um 8 Uhr des Morgens lichteten wir die Anker, wobei wir den kleinen Buganker und das Kabeltau des Stromankers einbüßten. Doch waren das in unsrer jetzigen verzweifelten Lage Kleinigkeiten, um die sich niemand bekümmerte.

Um 11 Uhr bekamen wir Wind von der See her, gingen glücklich wieder unter Segel und steuerten dem Lande zu.

Durch beständiges, eifriges Pumpen hielten wir das Schiff zwar über Wasser, aber auf die Dauer war diese schwere Arbeit unmöglich. Einer meiner Unteroffiziere schlug mir vor, das Schiff zu »füttern«, ein Mittel, durch das es einem Kauffahrteischiff möglich war, von Virginien nach London zu fahren. Gleichzeitig erbot er sich, das Schiff auf diese Weise zu füttern. Ich gab ihm dazu die nötigen Mittel und Gehilfen, und er ging nun in der Weise vor, daß er einen Brei aus Wolle und den Fasern von aufgedrehten Seilen mischte, diesen Brei an einem leeren Segel befestigte, alles mit Schafsmist und Dünger bedeckte und dann das Segel unter dem Schiffsboden bis zum Leck hinzog, den es so bedeckte und füllte, daß eine Pumpe genügte, um das Wasser zu bewältigen. Wir faßten jetzt neuen Mut.

Als wir in der Nacht vor Anker gingen, fanden wir, daß das Schiff in einer Stunde ungefähr 15 Zoll Wasser einließ. Das bedeutete keine unmittelbare Gefahr. Um 6 Uhr morgens hoben wir den Anker und steuerten langsam auf das Land zu. Die Pinasse brachte am Abend die Nachricht, daß ungefähr zwei Seemeilen weit unter dem Wind hin ein Hafen liege, der so beschaffen sei, daß dort das Schiff zur Reparatur ans Land oder auf die Seite gelegt werden könne.

Auf diese Nachricht hin hob ich morgens in der Frühe den Anker. Zwei Boote mußten vorausrudern und hatten Befehl, sich zur Sicherheit des Schiffes auf die Untiefen zu legen, die wir auf unserm Wege sahen. Als dies geschehen war, segelten wir dem Hafen zu, wobei wir trotz unsrer Vorsicht in Untiefen gerieten. Um diese Zeit fing der Wind an immer stärker zu wehen.

Es war ein Glück für uns, daß der Hafen so nahe war, denn das Schiff parierte dem Steuer nicht mehr. Auch hatten wir die Gefahr noch nicht ganz überwunden, denn wir waren von Untiefen umgeben. Ich ließ daher Anker auswerfen und steckte im Kanal Ankerwächter aus, um mich beim Einlaufen danach richten zu können. Ich fand die Einfahrt sehr schmal und auch den Hafen bedeutend enger als ich geglaubt hatte, sonst aber wie geschaffen für unsre Zwecke. Den ganzen Tag und die Nacht über stürmte es so heftig, daß wir nicht wagen durften in den Hafen einzulaufen; bei all unsrer Freude über unsre Errettung durften wir doch nicht vergessen, daß eine Handvoll Wolle die Scheidewand zwischen uns und dem Tode bildete. Der Sturmwind hielt am 15. den ganzen Tag über an, auch am 16. setzte er wieder ein, als wir im Begriff waren den Anker zu lichten.

Wir hatten am Abend nicht weit vom Strand ein Feuer erblickt; ein Zeichen, daß die Gegend bewohnt war. Wir hofften daher mit den Eingeborenen in Verbindung zu treten. Auch heute erblickten wir mehrere Feuer und sahen durch unsre Ferngläser vier Indianer, die diese Feuer anzündeten. Der Zweck der Feuer war uns natürlich ein Rätsel. Der Skorbut begann sich unter uns auszubreiten. Tupia klagte über Schmerzen im Gaumen und bekam gelbblaue Flecken an den Beinen. Auch Herr Green war sehr krank. Am 17. lichteten wir die Anker und eilten dem Hafen zu. Das Schiff geriet dabei zweimal auf Grund. Das erste Mal wurde es ohne Mühe wieder flott, das zweite Mal nur mit Hilfe der Flut, worauf wir es an Seilen in den Hafen zogen und an der Südseite an einer Stelle, wo der Strand sehr steil war, festlegten. Am Morgen des 18. wurde eine Brücke vom Schiff bis zum Strande gebaut und wurden am Strande zwei Zelte aufgeschlagen. Das eine war für die Kranken, das andre war für die Schiffsvorräte bestimmt, die sofort ausgeladen wurden. Kaum war das Krankenzelt aufgeschlagen, so schickte ich unsre Kranken, acht an der Zahl, ans Land. Auch fertigte ich ein Boot zum Fischfang ab; leider kam es leer zurück. Tupia angelte seine Fische selbst und lebte davon. Der Erfolg blieb nicht aus, denn er genas sehr schnell, während Herr Green andauernd gefährlich krank blieb. Die bergige Gegend war trostlos unfruchtbar und öde, die Ebene sumpfig und mit Mangrovebäumen bedeckt.

Am folgenden Morgen ließ ich die vier Kanonen, die uns übriggeblieben waren, aus dem Schiffsraum heraufbringen und auf den Überlauf pflanzen. Hierauf transportierten wir allen Ballast und die Schiffsschmiede ans Land; am Nachmittag wurden die Vorräte der Offiziere und die unterste Reihe der Wasserfässer ausgeschifft, so daß im untersten Schiffsboden nichts als die Kohlen zurückblieben.

Herr Banks war inzwischen über das Revier hinaus auf die andre Seite des Hafens hinübergegangen; er traf hier große Flüge Tauben an, von denen er etliche schoß, die ungemein schön waren.