Vierzehntes Kapitel.
Die Prinzeninsel. — Besuch beim König. — Die Eingeborenen. — Das schwimmende Hospital. — Wir begraben dreiundzwanzig Mann. — Am Kap der Guten Hoffnung. — Die Hottentotten und ihre Sitten.
Donnerstag, den 27. Dezember, liefen wir in See; am 29. kamen wir an Pulo Pare vorüber; am 1. Januar 1771 segelten wir wiederum der Küste von Java zu. Am 5. Januar befanden wir uns an der Prinzeninsel. Da sich der Zustand der Kranken seit unsrer Abreise von Batavia verschlimmert hatte, so beschloß ich hier beizulegen und ging um 3 Uhr des Nachmittags an der südöstlichen Seite der Insel in 18 Klaftern Wasser vor Anker, um Erfrischungen für die Kranken einzukaufen und unsre Vorräte an Holz und Wasser zu ergänzen.
Als das Schiff gehörig gesichert war, ging ich mit den Herren Banks und Dr. Solander ans Land. Am Strande begegneten uns einige Eingeborene, die sich erboten, uns zu ihrem Könige zu geleiten, ein Vorschlag, den wir sofort annahmen. Seine Majestät empfing uns mit großer Auszeichnung. Was aber den Einkauf von Lebensmitteln, Schildkröten und andern Erfrischungen betraf, so wurden wir über den Preis nicht einig. Seine Majestät war ein großer Halsabschneider und forderte haarsträubende Preise. Dies machte uns weiter keine Sorge, denn wir wußten im voraus, daß er am andern Tage seine Leute auf unsre Preise stimmen würde. In dieser Erwartung empfahlen wir uns von dem König und der Versammlung von Indianern, die er zu unsern Ehren zusammengetrommelt hatte, und nahmen unsern Rückweg längs der Küste, um eine Wasserstelle ausfindig zu machen, was uns auch gelang. Wir fanden nämlich in der für unsre Zwecke günstigsten Lage Wasser. Als wir uns einschiffen wollten, boten uns einige Indianer drei Schildkröten zum Kauf an. Wir wurden handelseinig, mußten aber an Eides Statt versichern, Seiner Majestät diesen Kauf zu verschweigen.
Am andern Morgen kommandierte ich einen Teil der Mannschaft ab, um Wasser einzuholen. Wir gingen des Proviantes wegen ans Land, fanden jedoch, daß die Eingeborenen auf Allerhöchsten Befehl auf ihren hohen Preisen bestanden. Allein als sie sahen, daß auch wir unsre Preise hatten und nicht zu bewegen waren, mehr zu geben, als wir von Anfang an geboten hatten, so bequemten sie sich nach ein paar Stunden des Feilschens zu unsern Preisen. Wir hatten bald sämtliche Schildkröten und ausgestellten Früchte an Bord. Die vorher gekauften Schildkröten teilte ich der Mannschaft zu, die seit vier Monaten nur von frischen Lebensmitteln lebte, sich also in bezug auf die Verpflegung über eine Vernachlässigung von meiner Seite nicht beklagen konnte. Vier Monate auf hoher See und nicht ein einziges Mal Pökelfleisch! — unser Schiffskoch hielt das für ein Wunder. Am Abend stattete Herr Banks dem König, der gerade sein Abendessen kochte, in dem Königlichen Palais, das aus einer Hütte im Reisfeld bestand, seinen Besuch ab und wurde ungemein gnädig empfangen. Am folgenden Tag war der Markt mit Fischen, Geflügel, jungen Rehen, Früchten und kleinen Affen überfüllt. Schildkröten gab es nicht; wir hatten sie aufgekauft. Aber die Tage darauf entsprach das Angebot an Schildkröten wieder der Nachfrage; doch bekamen wir nie soviel wie am ersten Tag.
Herr Banks erinnerte sich, daß ihm sein malaiischer Bedienter in Batavia von einer Stadt auf der Prinzeninsel erzählt hatte, die im Westen liege. In der Absicht sie aufzusuchen reiste er, weil er gehört hatte, daß die Eingeborenen Fremde nur höchst ungern in diese Stadt geleiteten, unter dem Vorwand ab, daß er Pflanzen suchen wollte. Nachdem er mit seinen Begleitern zwei Stunden lang unterwegs gewesen war, begegneten sie einem alten Manne, bei dem sie sich nach der kleinen Stadt erkundigten. Der Alte gab ihnen zuerst eine falsche Auskunft und suchte sie in die Irre zu führen; als er aber sah, daß ihm das nicht gelang, führte er sie auf dem nächsten Wege nach Samadang, wie die Hauptstadt der Insel heißt.
Samadang ist eine Stadt von vierhundert Häusern und wird von einem Flusse durchzogen; die beiden Stadtteile werden durch eine Fähre verbunden. Banks erkannte unter den Einwohnern, die sich bei seinem Erscheinen neugierig ansammelten, mehrere, mit denen wir an der Küste gehandelt hatten. Er bat sie, ihn und seine Begleiter nach der Neustadt zu führen, was die Angesprochenen gegen eine kleine Vergütung denn auch taten. Das Volk empfing sie hier sehr freundlich und zeigte ihnen die Häuser des Königs und der vornehmsten Häuptlinge. Leider befanden sich die Herrschaften in ihren Hütten in den Reisfeldern, wo sie sich damit beschäftigten, die Vögel und die Affen, die die Ernte bedrohten, zu verscheuchen. Von einer Besichtigung des Innern der sehr ansehnlichen Häuser mußte daher abgesehen werden. Zur Rückkehr nach der Küste mietete Herr Banks ein Segelboot, wofür er dessen Besitzer vier Schilling zahlte.
Wir kauften außer Geflügel und Früchten täglich drei Zentner Schildkröten. Am 13. abends war unser Proviant ergänzt, und wir dachten an die Abreise. Herr Banks ging noch einmal ans Land, um sich von dem Könige zu verabschieden, bei welcher Gelegenheit er ihm zwei Buch Papier zum Geschenk machte. Am 14. waren wir segelfertig; am 15. früh stachen wir bei leichtem Nordostwind in See.
Wir hatten an der Küste der Prinzeninsel, die von den Eingeborenen Pulo Paneitan genannt wird, zehn Tage verweilt. Die Einwohner sind Javaner; ihr Rajah, der König, steht unter der Oberhoheit des Sultans von Bantam. Die Javaner der Prinzeninsel ähneln in ihrer Tracht, ihren Sitten und Gewohnheiten denen von Batavia. Nur scheinen sie in bezug auf ihre Frauen, die sie vor uns versteckten, eifersüchtiger als die Bataver zu sein. Wir sahen während unseres Aufenthalts zufällig im Walde eine einzige Frau; als sie uns erblickte, lief sie schreiend davon und verbarg sich. Die Paneitanjavaner sind strenggläubige Mohammedaner, die ihren Ramadan so streng hielten und fasteten, daß sie an diesem hohen Festtage nicht einmal dem heißgeliebten Betel huldigten.
Die Häuser in der Stadt, die Herr Banks besichtigte, sind auf Pfählen erbaut, die 4 bis 5 Fuß hoch sind und auf denen der aus Bambusrohr verfertigte Fußboden ruht. Auch die Seitenwände sind aus Bambusrohr, das die Fachwerke dicht ausfüllt. Die schrägen, steilen Dächer sind mit Palmenblättern so dicht gedeckt, daß weder Sonne noch Regen hindurchdringt. Das Haus des Königs und das des reichsten Mannes auf der Insel hatten Bretterwände. Die Häuser in den Reisfeldern sind als Landhäuser bedeutend kleiner gebaut, nur sind die Pfosten, worauf sie ruhen, etwa 10 Fuß hoch. Die Vorfahren der Paneitanjavaner wohnten ursprünglich an der neuen Bai von Java; sie wanderten der vielen Tiger wegen, die dort die Dschungeln und Wälder unsicher machen, aus und ließen sich auf der in dieser Hinsicht mehr geschützten, außerordentlich fruchtbaren Prinzeninsel nieder.