Wir beschleunigten unsre Reise nach dem Kap der Guten Hoffnung, denn wir waren in einer fürchterlichen Lage. Das schlechte Wasser von der Prinzeninsel hatte unsern Kranken sehr geschadet. Zu der Malaria, dem Skorbut und dem Wechselfieber war noch eine gefährliche Dysenterie gekommen, die uns zwang, das ganze Schiff mit Essig zu desinfizieren, um die bösartige Wirkung der ansteckenden Ausdünstungen unsrer Kranken zu bekämpfen. Herr Banks erlitt einen so bedenklichen Rückfall, daß wir eine Zeitlang an seinem Aufkommen zweifelten. Das Schiff selbst war ein schwimmendes Hospital, worin es den Kranken an der nötigsten Pflege fehlte, so daß wir jeden Morgen eine neue Leiche hatten. Nicht ganz in sechs Wochen mußten wir auf dieser Todesfahrt der See dreiundzwanzig Tote übergeben, darunter den Astronomen Green, Parkinson den Maler, den Reisenden Sporing, den freiwilligen Unteroffizier Monkhouse, den Oberbootsmann, den Schiffszimmermann, den alten Segelmacher und seinen Gehilfen, den Schiffskoch, den Korporal der Seesoldaten, einen zweiten Unteroffizier, die beiden Zimmermannsgehilfen und neun Matrosen. Im ganzen hatten wir seit unsrer Ankunft in Batavia dreißig Tote zu beklagen. Eine furchtbare Meerfahrt war es, die wir im Totenschiff zurücklegten; wir atmeten erst auf, als wir die Höhe des Vorgebirges der Guten Hoffnung erblickten, wo wir am 15. März in 7 Klaftern auf schlammigem Boden vor Anker gingen.
Ich begab mich sogleich ans Land, um dem Statthalter meine Aufwartung zu machen und ihn um Hilfe für meine armen Kranken zu bitten, die mir auch zugesagt und in jeder Weise zuteil wurde. Ich mietete für sie in herrlicher, gesunder Lage ein Haus, wo man sie, den Mann täglich für zwei Schilling, mit Kost und Pflege versah. Auf der ganzen traurigen Fahrt hierher fiel sonst nichts Besonderes vor, was den Seefahrer interessieren könnte. In der Windstille war die Luft schwül und ungesund. Wenigstens konstatierte ich, daß an solchen Tagen die Dysenterie sich so verschlimmerte, daß sich jeder für verloren gab, umsomehr als die gereichte Medizin nicht im geringsten anschlug. Kaum hatten wir aber den Passatwind erreicht, als wir sofort an uns und unsern Kranken dessen heilsame Wirkung verspürten. Wir verloren allerdings noch zwei der Kranken, allein diese waren schon in Batavia hoffnungslos erkrankt. Wir glaubten zuerst, daß die Schildkröten, die wir auf der Prinzeninsel gekauft hatten, die fürchterlichen, verheerenden Wirkungen der Dysenterie verursacht hätten, allein wir hörten in Kapstadt, daß alle die Schiffe, die mit uns von Batavia abgesegelt waren, ebensosehr von Krankheit mitgenommen worden waren wie wir; auch hier war der Keim zu der todbringenden Dysenterie in Batavia gelegt worden, denn keines dieser Schiffe, die fast ebensoviel Tote hatten wie wir, hatte an der Prinzeninsel geankert. Als wir am Vorgebirge der Guten Hoffnung vor Anker lagen, segelte der Ostindienfahrer »Hougthon« nach England ab. Der »Hougthon« hatte während seines Aufenthalts in Ostindien 30–40 Mann durch Krankheiten eingebüßt, und als er das Kap verließ, lagen noch viele von seinen Leuten so sehr am Skorbut danieder, daß man stündlich ihr Ableben erwartete. Andre Schiffe, die nicht viel über ein Jahr von England fern waren, hatten nicht weniger gelitten. Wenn wir bedachten, daß wir dreimal so lange Zeit von Hause fort waren wie sie, so konnten wir mit unserm Schicksal nicht so sehr grollen; im Verhältnis waren wir weniger heimgesucht worden als unsre Leidensgefährten.
Teils um die Genesung der Kranken abzuwarten, teils um Proviant einzunehmen und Schiff wie Takelwerk auszubessern, blieb ich bis zum 13. April hier vor Anker. An diesem Tage nahm ich die Kranken, von denen sich noch verschiedene in sehr gefährlichem Zustand befanden, wieder an Bord, verabschiedete mich von dem Gouverneur und lichtete am 14. die Anker, um mit dem ersten Wind auszulaufen.
Das Vorgebirge der Guten Hoffnung ist so oft beschrieben worden, daß ich nur weniges berichtigend zu sagen habe. Sehr berichtigungsbedürftig sind in erster Linie die übertriebenen Schilderungen von der Schönheit und Fruchtbarkeit dieses Landes, die mit der Wahrheit wenig übereinstimmen, denn auf unsrer ganzen Reise haben wir kein Land gefunden, das so sehr einer unfruchtbaren Wüste geglichen hätte. Die Halbinsel, die von der Tafelbai und von der falschen Bai umgeben ist, besteht aus hohen, kahlen und trostlosen Bergen. Hinter diesen liegt nach Osten hin eine Landenge, die aus Sandboden besteht, worauf nichts als Heidekraut gedeiht. Die wenigen fruchtbaren Stellen, die mit Wein, Obst und Gemüse angepflanzt sind, verhalten sich zu den unfruchtbaren wie eins zu tausend. Auch im Innern des Landes ist es nicht viel anders. Die Holländer sagten uns, daß viele von ihren Landsleuten sich etwa 900 englische Meilen entfernt im Innern des Landes niedergelassen hätten und aus dieser großen Entfernung den Ertrag ihrer Felder per Achse zu Markt ans Kap brächten. Während unsres Aufenthaltes kam ein Bur fünfzehn Tagereisen weit aus dem Landesinnern und brachte seine jungen Kinder mit. Wir verwunderten uns und meinten, ob es nicht bequemer gewesen wäre, die Kleinen bei dem Nachbar unterzubringen. »Nachbar!« lachte der Mann, »mein nächster Nachbar wohnt fünf Tagereisen von mir entfernt!« Muß das Land nicht schrecklich öde sein, wenn die Bauern, die vom Ackerbau und von der Viehzucht leben, der Unfruchtbarkeit des Landes wegen so weit voneinander wohnen müssen?
Die einzige Stadt, die die Holländer hier gebaut haben, ist Kapstadt. Sie besteht etwa aus hundert Backsteinhäusern, die des Südwinds wegen mit Stroh gedeckt sind. Ziegel und Schiefer könnte man auf dem Dache nicht erhalten. Die Straßen sind breit und bequem, und durchschneiden einander im rechten Winkel. In der Hauptstraße findet man einen zu beiden Seiten mit Eichen bepflanzten Kanal. Die Eichen haben sich gut entwickelt und spenden einen kühlenden Schatten. Sonst sind die Bäume hier stark verkrüppelt. Unter den Bewohnern der Kapstadt überwiegen die Holländer bei weitem. Da die meisten als Hausbesitzer an Fremde und Reisende vermieten, so haben sich ihre Lebensgewohnheiten denen fremder Nationen vielfach angepaßt. Die Frauen aber bleiben ihren holländischen Sitten so treu, daß z. B. jede beim Ausgang eine Magd neben sich hat, die ihr wie in der Heimat zum Fußwärmen den Eisentopf mit glühenden Kohlen nachträgt, was in dem viel heißeren Klima von Kapstadt geradezu deplaciert erscheint und lächerlich wirkt. Im allgemeinen sind die Holländerinnen hier sehr schön und haben eine reine, zarte Haut und eine blühende, gesunde Farbe. Sie geben die besten Ehefrauen von der Welt, die ihr Hauswesen sorgsam leiten und gute, meist kinderreiche Mütter sind. Ein Haus, in dem es nicht von Kindern wimmelt, ist hier selten. Die Luft ist ungemein gesund und heilkräftig.
Was wir über die Eingeborenen dieses Landes hörten, haben wir nur vom Hörensagen, denn von ihrer Lebensweise und ihren ursprünglichen Sitten bekommt man in der Stadt selbst nichts zu sehen. Wer sie daraufhin beobachten will, muß sie in ihren Dörfern, ihrem Kral besuchen. Das nächste Hottentottendorf aber liegt wenigstens vier Meilen von der Stadt entfernt. Diejenigen, die man in der Stadt zu sehen bekommt, sind meistens als Knechte bei den Buren im Dienst oder als Viehhirten tätig, also etwas von der Kultur beleckt. Die Hottentotten sind lange, hagere Gestalten, aber ungemein stark, gelenkig und gewandt. Manche sind 6 Fuß groß; ihr Auge blickt träge und gleichgültig; die Haut ist pechschwarz von Natur und noch mehr von Schmutz. Ich glaube, daß sie ihren Körper niemals waschen, so starrt er von Schmutz und Unreinlichkeit. Das Haar ist gesträhnt, lockig und glänzt von Fett. Die Kleidung besteht aus einem Schaffell, das sie über der Schulter tragen, und aus einem Schambeutel; die Frauen tragen ein Lendentuch, das an einem mit Glaskorallen und Kupferstückchen verzierten Gürtel befestigt wird. Männer und Frauen tragen eine Kette von Glaskorallen um den Hals und ebensolche Armbänder. Die Weiber wickeln Lederringe um die Knöchel, um sich gegen die Dornen zu schützen; vielfach tragen sie Holzsandalen als Fußbekleidung. Die Sprechweise der Hottentotten ist glucksend guttural; ihr Holländisch ist dagegen rein und in der Aussprache fehlerfrei.
Ich habe selten ein so schamhaft schüchternes Volk kennen lernen wie die Hottentotten. Es kostete uns immer die größte Mühe von der Welt, sie dahin zu bringen, daß sie in unserer Gegenwart tanzten. Doch glückte es uns, sie in ihren Tänzen zu beobachten und beim Singen ihrer Lieder zu belauschen. Die Tänze der Hottentotten sind teils üppig lebhaft, teils träge und schläfrig. Die leidenschaftlichen Tänze bestehen aus heftigen, erotischen Bewegungen des Körpers und aus tollen Sprüngen; die andern darin, daß der Tänzer abwechselnd mit den Füßen den Boden stampft, ohne sich von der Stelle zu rühren oder irgendwie sonst den Körper zu bewegen. Es ist ein monotones Tanzen, dem einige ihrer Lieder gleichen, während hinwiederum andre Lieder lebhafte und feurige Melodien haben.
Wir waren gezwungen, um mehr von den Sitten und Gebräuchen der Hottentotten zu erfahren, uns bei den Holländern danach zu erkundigen. Wie wir von unsern Gewährsleuten hörten, gehören die Hottentotten verschiedenen Stämmen an, die sich in ihren Eigentümlichkeiten voneinander unterscheiden. Doch sind sie friedliebend bis auf das im Osten wohnende Volk der Buschmänner, die vom Krieg und vom Raube leben. Die Buschmänner sind die heimtückischsten Viehräuber, die man sich denken kann. Was sie besonders gefährlich macht, ist, daß sie die Spitzen ihrer Lanzen und Pfeile mit dem äußerst gefährlichen Gifte der Kobraschlange vergiften, so daß die kleinste Wunde unbedingt tödlich wirkt. Dabei sind sie gute Schützen, die, einerlei ob sie die Lanze werfen oder den Pfeil abschießen oder den Stein schleudern, ihr Ziel, und sei es auch nur talergroß, auf hundert Schritte zu treffen wissen. Gegen diese unverbesserlichen Räuber, die ihre Raubzüge des Nachts unternehmen, schützen sich die Hottentotten, die viel von ihnen belästigt werden, dadurch, daß sie ihre Bullen die Nacht über frei herumlaufen lassen. Diese vierbeinigen Nachtwächter stellen jeden, der sich nachts ans Dorf heranschleicht, und machen dabei solchen Lärm, daß das ganze Dorf alarmiert wird. Auch den wilden Tieren treten sie geschlossen mutig entgegen.
Die Häuptlinge der Hottentotten gehen in Löwen-, Tiger- oder Zebrafelle gekleidet, die sie mit Fransen und anderm Zierat einfassen. Sie besitzen meist große Viehherden. Das ganze Volk, Männer und Frauen, schmiert sich den Körper mit Hammelfett oder Butter ein. Man versicherte uns, daß die Priester der Hottentotten bei der Vermählung eines Paares dieses mit seinem Urin bespritzen, und daß ohne diese Zeremonie die Ehe ungültig sei. Was nun die sogenannte Hottentottenschürze der Frauen betrifft, die als besondere Schönheit gilt, so wurde sie von einigen geleugnet. Unser Arzt dagegen, der viele Hottentottinnen ärztlich untersucht und behandelt hat, sagte uns, daß unter den vielen Hunderten von Frauen, die er behandelt habe, nicht eine gewesen sei, die nicht diese scheußliche Verunstaltung an ihrem Körper gehabt hätte; bei einigen wäre sie sogar vier und noch mehr Zoll groß gewesen. So viel von den Eingeborenen des Kaplandes.
Die Bai ist groß, sicher und bequem. Der Nordwind kann zwar gerade noch hineinwehen, allein er stürmt selten. Die Südostwinde wehen oft sehr ungestüm; da sie aber in der Richtung nach der See hin blasen, so ist keine Gefahr dabei. Um die Waren bequem aus- und einladen zu können, haben die Holländer einen hölzernen Kai angelegt, der ziemlich weit von der Stadt in die Bai hinausläuft. Auch kann man hier frisches Wasser einnehmen, das dahin gepumpt wird. Der Proviant wird durch Hafenschiffe der Kompanie an Bord gebracht; auch vermitteln diese Schiffe gegen geringe Gebühr den Transport nach der Stadt. Die Bai selbst wird durch ein Fort beschützt, das an der Ostseite der Stadt hart am Strande liegt. Auch sind längs der Küste verschiedene Außenwerke und Strandbatterien zum Schutze der Stadt und des Hafens angelegt. Allein deren Lage ist nicht die sicherste; vom Land aus wie von den Schiffen sind sie leicht zu beschießen. Wider einen mächtigen Gegner, der diesen Forts von der Landseite beikäme, könnten sie sich meines Erachtens nicht lange halten[8]. Die Besatzung besteht aus 800 Mann regulärer Truppen und aus der Landmiliz, zu der jeder zählt, der eine Flinte tragen kann.