„Ellen soll es nur wagen, uns zu hindern!“ rief jetzt Phöbe. „Wir wissen sehr wohl, daß sie es mit Euch hält; kommt sie uns zu nahe, so soll sie es bereuen. Hinunter mit euren Steinen, ihr Mädchen! Ich will den Mann sehen, der einen Fuß in Ismael Buschs Lager setzt, ohne seiner Töchter Einwilligung zu haben!“
„Ducke dich unter den Vorsprung, Paul!“ schrie Ellen in Herzensangst.
In diesem Augenblick öffnete sich der Zeltvorhang, und zum zweitenmal zeigte sich die wunderbare Frauenerscheinung auf dem höchsten Teile des Felsenberges.
„Im Namen Gottes beschwöre ich euch, von dem Streit abzulassen,“ rief sie mit wohllautender Stimme den Stürmern wie den Verteidigerinnen zu. „Vernichtet nicht Menschenleben, die ihr doch nie wieder ersetzen könnt!“
Aller Augen waren im Nu auf die Sprechende gerichtet.
„Inez, meine Inez!“ rief der Hauptmann Middleton ihr zu. „Habe ich dich endlich gefunden? Mein mußt du nun wieder werden, und wenn tausend Teufel diesen Felsen verteidigten! Vorwärts, braver Bienenjäger, vorwärts und gebt mir Raum!“
Damit sprang auch er den Abhang hinan. Die Mädchen waren durch die plötzliche Erscheinung der schönen, fremden Frau in ihrer Mitte so in Erstaunen gesetzt, daß sie erst an Gegenwehr dachten, als es bereits zu spät war. Wohl stürzten sie einen der Felsblöcke auf die Angreifer hinab, diese aber wichen demselben aus, und im nächsten Augenblick schwang sich Paul auf den flachen Gipfel hinauf, unmittelbar gefolgt von Middleton. Doktor Battius kam erst nachgeklettert, als die kriegerischen Mädchen bereits entwaffnet waren und mit gefesselten Händen und stumm vor Erstaunen zusehen mußten, wie der Hauptmann die ihm jubelnd entgegeneilende schöne Fremde in heller Freude an sein Herz schloß ...
Es ist hier am Platze, über diese beiden einige nähere Erklärungen zu geben. Der Hauptmann Middleton gehörte zu dem Truppenkörper, den die Regierung ausgesandt hatte, um das neu erworbene Terrain, den heutigen Staat Louisiana, zu besetzen. Hier kam er in Berührung mit einem der alteingesessenen kreolischen Grundherren, Don Augustin de Certavallos; die Bekanntschaft wurde zur Freundschaft, und als er eines Tages den Don um die Hand seiner Tochter, der schönen Inez, bat, da erfuhr er keine Ablehnung. Die Hochzeit wurde mit jener Pracht gefeiert, die sich für eine reiche kreolische Erbin geziemte. Middletons Glück aber war nur kurz, denn schon am nächsten Tage war seine junge Gattin spurlos verschwunden. Der Schmerz, das Entsetzen des Hauptmanns und des alten Don spotteten jeder Beschreibung. Alles Erdenkbare wurde aufgeboten, das Verschwinden der armen Inez zu erklären und ihre Spur zu entdecken, allein vergebens. Endlich, nach langen Wochen der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, ward dem schwer geprüften Gatten durch einen dem Trunke ergebenen Vagabunden die Nachricht, daß seine Inez durch einen übel berüchtigten Menschen, den ehemaligen Sklavenhändler Abiram White, unter dem Beistande von dessen Schwager Ismael Busch geraubt und davongeführt worden sei. Ein Verwandter Don Augustins, dessen Bewerbungen Inez einst abgewiesen, hatte den zu allen Schandtaten fähigen Abiram mit einer großen Summe zu diesem Menschenraube bestochen.
Durch diese Kunde zu neuer Hoffnung erweckt, wählte Middleton eine Anzahl erlesener Männer aus seinem Kommando und machte sich mit diesen ungesäumt an die Verfolgung der Räuber. Es ward ihm nicht schwer, der Fährte des Wagenzuges der Emigranten nachzugehen, wenigstens so lange, bis dieser den harten, trockenen Boden der Prärie erreicht hatte. Hier verschwanden jedoch die Spuren, und er sah sich genötigt, seine Schar zu zerstreuen, damit jeder auf eigene Hand suche, und einen bestimmten Ort und Tag zu verabreden, um wieder zusammenzutreffen. Eine ganze Woche lang hatte er die Prärie bereits allein durchirrt, als er, wie wir gesehen haben, auf unsere drei Freunde stieß, die er durch die Erzählung seines Geschicks gar bald zu seinem Beistande gewonnen hatte...
Die Feste war erstürmt und Frau Inez befreit. Ismaels Töchter lagen gefesselt in einer der Hütten, Paul Hover hatte in lustigem Übermut auf der höchsten Spitze des Felsens, wie ein siegesstolzer Hahn, mit den Armen geschlagen und gereckten Halses ein schmetterndes „Kikeriki“ ertönen lassen. Die wieder vereinigten Gatten stiegen, gefolgt von dem Doktor, in die Ebene hinab, wo der Trapper, des letzteren Esel am Zügel, bereits ungeduldig ihrer harrte, und der Bienenjäger forderte Ellen auf, ihm gleichfalls dorthin zu folgen.