Die Sonne war hinter der nächsten Wellenerhebung der Prärie niedergegangen, rot und glühend lag ihr Schein noch über dem dunkeln, scharf von dem feurigen Himmel abstechenden Lande. Im Mittelpunkt dieses brennenden Scheines aber zeigte sich schwarz, schattenhaft und übernatürlich groß eine menschliche Gestalt, regungslos, in sinnender, melancholischer Stellung. Wie angefesselt blieb der Führer stehen und starrte nicht ohne ein Gefühl abergläubischer Furcht die Erscheinung an; hinter ihm sammelten sich die Söhne. Keiner sprach ein Wort, doch ließ sich hier und da das Knacken eines Büchsenhahnes vernehmen.
Die Stimme der Mutter unterbrach das Schweigen zuerst.
„Laß die Jungen vorgehen, Ismael,“ rief sie laut und scharf. „Asa oder Abner werden bald dahinter kommen, was es mit jener Kreatur für eine Bewandtnis hat!“
„Wollen doch dem Ding eine Kugel zuschicken,“ murmelte ein finster und zugleich hämisch und boshaft dreinschauender Mann, der mitten unter den jungen Leuten stand und dessen Gesicht eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem der Frau zeigte; „die Pawnee Loups jagen zu Hunderten auf der Prärie, sie werden's nicht merken, wenn einer von ihnen fehlt.“
Damit erhob er seine Büchse, die der mit dem Namen Ismael angeredete Führer jedoch sogleich mit einer Gebärde, die keinen Widerspruch zuließ, niederdrückte.
„Schieß nicht!“ ertönte zugleich in ängstlichem Rufe die Stimme des jungen Mädchens, „wir sind nicht alle beisammen, es kann auch einer von uns sein!“
Die Schar stand in erwartungsvollem Schweigen. Inzwischen veränderte sich das Licht des Abendhimmels; der blendend leuchtende Schein wurde matter, er wich einem grauweißen Schimmer, und als die untergehende Sonne hinter dem Horizont versunken war, da verlor die Erscheinung ihre übernatürliche Größe und schrumpfte zu einer zwar noch immer langen, aber doch nicht mehr außergewöhnlichen Menschengestalt zusammen.
Die Männer traten jetzt näher herzu und sahen nun vor sich einen Greis, der, seinem verwitterten Äußeren nach zu urteilen, mindestens achtzig Winter erlebt haben mußte. Trotzdem war seine Haltung noch aufrecht und fest, seine Gliedmaßen, wenn auch hager und dürr, zeigten noch kräftige Muskeln und Sehnen, so daß es schien, als werde die Altersschwäche noch auf lange hinaus keine Gewalt über ihn erlangen. Seine Kleidung bestand hauptsächlich aus Tierfellen, die Haarseite nach außen gekehrt; Jagdtasche und Pulverhorn hingen ihm zur Seite; er stand auf eine Büchse von ungewöhnlicher Länge gestützt, die, wie ihr Eigentümer, deutliche Spuren langen und harten Dienstes aufwies.
Beim Herannahen der Emigranten erhob sich ein großer, alter, zahnloser Hund, der zu des Greises Füßen gelegen hatte, und ließ ein dumpfes Knurren hören.
„Still, Hektor, leg' dich!“ gebot sein Herr mit einer Stimme, die hohl und bebend klang. „Was gehen dich die Leute an, die hier ihre rechtmäßige Straße ziehen?“