Wir saßen zu sechsen im Coupé, hatten die Vorhänge dicht zusammengezogen, weil unsere glanzmüden Augen nicht mehr imstande waren, die märchenhafte Pracht der sonndurchglühten Dolomiten, den ewigblauen Südlandshimmel und die strahlende, blendende, sengende, unerbittliche Sommersonne zu ertragen. Und weil die reifenden Trauben zwischen dem bläulich schimmernden Weinlaub unsern Durst zu Tantalusqualen steigerten. Und – »Kärlchen« gab sich vergebliche Mühe, mit seinen zweifelhaften Witzen die flaue Stimmung zu beleben.

Es wäre höchst unschlau, wollte ich jetzt schon verraten, wer »Kärlchen« war und in welchem Verhältnis er zu uns fünfen im allgemeinen und zu einer von uns im besonderen stand.

Den Durst habe ich schon erwähnt. Doch auch der Hunger begann sich zu regen. Wir hatten sehr zeitig und nicht allzu üppig in Riva gefrühstückt und keinen Proviant bei uns. Dank der abnormen Temperatur streikte selbst der letzte Rest unserer Reiseschokolade, die »der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe« eine unlösbare chemische Verbindung mit ihrer Staniolhülle eingegangen war. Kärlchen nannte es eine Mesalliance und wurde mit mattem Lächeln dafür quittiert. Die von Millionen Fliegen, Wespen und anderem fliegenden Getier umschwirrten Butterbrötchen des Bahnhofbüfetts in Mori hatten uns auch nicht locken können, und bis Bozen waren noch gut drei Stunden – so harrten wir hungernd und halb verschmachtet auf Trient, wo es, wie Kärlchen tröstend versicherte, vorzügliche Würstchen und Bier geben sollte.

Inzwischen hielt unser Bummelzug mit echt italienischer Gemütsruhe und Zeitvergeudung an jeder kleinsten Station, ohne daß wir uns auch nur die Mühe gaben, den Fenstervorhang zu lüften, um den Namen zu lesen. Unser Coupé war übrigens auch so weit rückwärts, daß wir meist noch bei der vorletzten Station weilten, während unsere Lokomotive schon vor der nächsten hielt.

»Abgespannt!« sagte Kärlchen mit verächtlicher Betonung und sah uns der Reihe nach strafend an, weil sein letztes Bonmot keinen Eindruck mehr gemacht hatte. »Ihr seid mir 'ne nette verhungerte, verdurstete, schlafmützige Reisegesellschaft! Ist das der Lohn für meine Tugend?« Beleidigt stand er auf und ging hinaus. Bald darauf hielt der Zug, unser Wagen schmorte in der Sonnenglut.

»Verdurstet? O Gott, verschmachtet bin ich, ganz halbtot!« seufzte eine. »Und das nennt sich Vergnügungsreise!«

Neue Passagiere schoben sich schwitzend und stöhnend mit ihrem Handgepäck durch den engen Korridor. Ein dicker Herr blieb stehen und schnaubte mit zornrotem Angesicht: »Das ist aber unerhört, meine Damen – nebenan das Frauencoupé ist leer und hier sitzen Sie Ihrer fünf im Raucher!«

»Wir haben ja einen Herrn bei uns, der raucht sogar für drei,« verteidigten wir uns.

»So – wo ist er denn?«