»Aber Sie – ja, Sie beide leben doch zusammen. Seit Jahren – sagten Sie nicht so?«
»Allerdings,« bestätigte Kärlchen würdevoll. – »Wenn's Sie interessiert: Berlin S. W., Hans Sachs-Straße 22, dritter Stock links. Nämlich meine Schwester hat die Güte, meinen Junggesellenhausstand zu führen, seit sie vor fünf Jahren verwitwet ist.«
»Verwitwet ist …« echote der Wiener – und nun endlich begriff er, und im Laufe des Abends und mit Hilfe von etlichen Vierteln Magdalener erholte er sich auch von der gewaltsamen Überraschung.
Es wurde der fidelste Abend, den wir je im Batzenhäusl erlebten.
Am Nebentisch saßen Studenten, junges, sanglustiges Volk – ein Lied stieg, ein zweites – die anderen Tafelrunden taten wie selbstverständlich mit – ein förmlicher Rausch schien all diese einander fremden, aus allen Himmelsgegenden bunt zusammengewürfelten Menschen ergriffen zu haben. Eine ungemachte, echte, herzerquickende Fröhlichkeit verbrüderte sie. Studenten- und Vaterlandslieder, dazwischen ein neckisches Liebesliedel im Volkston. Zuletzt, als ob man sich besänne, bei wem man zu Gast sei, stieg dem lieben wunderschönen Land Tirol, dem deutschen Bruderland, dem greisen, edlen Gastfreund ein begeisterter Sang: »Gott erhalte Franz, den Kaiser!« – Was verschlug's, daß kaum einer mehr als die beiden Anfangszeilen des schönen alten Haydn-Liedes kannte – so gut es ging, sang, summte, brummte jeder mit. In heller Begeisterung. Sogar unsere stille Hella stimmte ein. Mit nassen Augen. Ihr verstorbener Gatte war ein Deutsch-Böhme, leidenschaftlicher Patriot gewesen – um seinetwillen hatte sie Land und Leute liebgewonnen und kannte das Lied bis zur letzten Strophe, tat gar nicht not, daß der Wiener soufflierte.
Ja, solch ein Abend im Batzenhäusl!
's ist nicht der Magdalener allein. Es ist die Stimmung, die sie draußen von den Bergen mit hereinbringen, die goldene, sonndurchwebte, leuchtende Alpenstimmung, der klingende Widerhall all des Herrlichen, Wunderbaren, das ihre Augen geschaut. Die uralte angeborene germanische Wanderlust, die alle Freud' und Begeisterung, alles, was groß und gut im Menschenherzen ist, weckt, ihn alle kleinlichen Sorgen und Kümmernisse von daheim vergessen läßt. Und nicht zuletzt: der Tropfen verwandten deutschen Blutes zwischen hüben und drüben.
Auch zwischen den beiden im Winkel der Fensternische. Was sie gesprochen haben, weiß man nicht. Sie saßen nebeneinander, und mehr als einmal klang Glas an Glas. Der Wiener – es war übrigens ein Weingutbesitzer aus der Vöslauer Gegend – redete. Diesmal nicht im Dialekt – es ist eine liebenswürdige Eigenschaft des gebildeten Österreichers, daß er uns Reichsdeutschen zulieb seine Weaner Mundart aus dem vergessenen Winkel hervorholt. Er kann sehr gut anders reden, wenn er will. Und jetzt schien's, wollte er hochdeutsch reden – obgleich ja grad die vertrauten weanerischen Klänge es unserer Hella zuerst angetan hatten. Sie antwortete mit ihrer sanften Stimme, und er ließ den Blick nicht von ihr.
Später trafen wir uns im Stubai wieder. Ganz zufällig natürlich. Aber das Stubai ist kein Ort zum Ausruhen und Anspinnen heimlicher Liebesidylle. So nahmen wir Abschied und zogen unseres Weges weiter gen Mittenwald.