Und die endlos lange Eisenbahnfahrt mit den trostlosen Gedanken, dem bettelarm gewordenen Herzen.
Und endlich ein verschneites Städtchen an der russischen Grenze.
Ein müder Mann sitzt im Dunkel des Weihnachtsabends in seinem Zimmer am Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt, und denkt daran, daß heute der vierundzwanzigste Dezember ist. Und daß Weib und Kind ihn verlassen haben – daß ihm nun auf der Welt nichts mehr übrigbleibt als eine Kugel vor den Kopf oder ein Sprung in das rauschende schwarze Wasser – damit sein Kind nicht zugrunde gehe an der harten Wahl zwischen Vater und Mutter.
Draußen schlägt der Hund an. Lautes Bellen, ein freudiges Winseln, dann geht die Haustür – leise, zaghafte Schritte über den Flur. Der einsame Mann hört es nicht – vor seinen Ohren gurgeln schon die rauschenden Wasser, die ihm das letzte Lied singen werden – das ihn Jacques Eigerslohs falsche lockende Geigentöne vergessen läßt für immer.
Die Tür knarrt, der Hund springt herein – ein hastiger Schritt kommt über den Teppich – zwei Arme legen sich um des Einsamen Hals, ein schneenasses kaltes Gesichtchen schmiegt sich an seine Wange. »Papa!«
Und dann ein wirres wildes Schluchzen und Stammeln, abgebrochene Laute, die sein Ohr nicht versteht und sein Herz doch errät und richtig deutet: Klagen, Anklagen, die das Vaterherz zerreißen – der ganze trost- und fassungslose Jammer einer allerersten allerbittersten Enttäuschung.
Er hält das Kind in seinen Armen und Gott selber vielleicht gibt ihm die Worte ein, die er dem beraubten, zerrissenen Herzen sagen muß, das sein Heiligstes verloren.
Und im Finstern tastet und sucht das verirrte, das verwaiste, heimatlos gewordene Seelchen, und findet zum erstenmal den Weg zum Vaterherzen. Und schlüpft hinein, schauernd, zitternd. Wie sie sich noch nie gefunden, so ergießt sich Seele in Seele in dieser heiligen Weihnachtsnacht.
Eine Uhr schlägt. Da fährt der Vater auf und wird sich des Tages und der Stunde bewußt. »Sieben Uhr, Ruth – und ich hab' nicht mal einen Baum für dich; der steht noch ungeputzt draußen im Garten.«