»Sehr mal à propos – dies hereingeschneite Kind!«

»Mein Weihnachtsgeschenk, Jacques!«

»Ich bitte dich, tu' nicht so – Sentiments kleiden dich absolut nicht, ma chère. Im Grunde deiner Seele wünschest du sie ja doch je eher je lieber nach diesem gesegneten Inowrazlaw zurück …«

Und kein Wort aus Muttermund, das dieser harten Behauptung widerspricht – nur ein halbverlegenes Auflachen! – Im nächsten Augenblick ist Ruth allein in ihrem Badezimmerchen. Liegt auf den kalten Steinfließen, als hätte eine brutale Hand sie niedergeschlagen. Zu hart war die Enttäuschung für das zärtliche Kinderherz – zu grausam die Ernüchterung. – Eine Last ist sie für die Mama, ein ungebetener, unwillkommener Eindringling! Sie beißt sich die Lippen blutig, um nicht laut zu schreien. Zertrümmert ist der Altar, heruntergerissen ihr Heiligenbild, in den Staub getreten, beschmutzt, zerbrochen – die Stücke in alle Winde zerstreut. O, was nun, was nun? Wie kann sie weiter leben ohne diese heilige Liebe, die fromme Verehrung, die heiße Sehnsucht? – alles, was bis dahin ihr Denken und Leben ausgefüllt, ihm Inhalt und Wert gegeben – – –

»Ruth! Ruth! So komm doch, hilf die Kerzen aufstecken, mignonne

Noch zwei, drei Abendstunden; oberflächliches Geplauder, Lachen, Zärtlichkeiten, die für Ruth eine Marter sind.


Noch eine letzte schlaflose Nacht in dem engen eiskalten Badezimmer. Und frühmorgens, ehe das Haus erwacht – während Mama noch tief und fest in ihren gestickten Kissen schlummert – schreibt Ruth auf einen Zettel: »Sei nicht bös, daß ich fortgehe. Papa ist so allein und ich hab' Heimweh« – nimmt Tasche und Muff und schleicht sich wie ein Dieb aus dem Hause in das graue kalte Dämmern des Dezembermorgens hinein.

Und dann eine Droschke und zum Bahnhof.