Lieber Gott – ach lieber guter Gott, was nun?!
Die arme kleine Dreizehnjährige, die zum erstenmal in ihrem Leben allein auf Reisen war, vergaß alles Selbstbewußtsein ihrer »höheren Töchterwürde« und brach in Tränen aus. Sie weinte fassungslos, lautschluchzend, wie Kinder weinen. O wenn Mama und Papa dies wüßten, wie's ihrem Kinde in der weiten wildfremden Ferne ging! Das Heimweh überwältigte sie und preßte ihr das Herz zusammen.
Erstaunt blickte einer oder der andere auf das weinende Kind, jemand redete sie an, in einer fremden Sprache, die sie nicht verstand. Fast alle Insassen des Abteils waren Russen oder Polen, die in die schlesischen Bäder reisten.
»Warum weinen Sie, Fräulein – Fräulein Leonie?« fragte plötzlich eine freundliche Stimme. Der junge Mann ihr gegenüber beugte sich weit vor, seine Stirn mit der blutroten Narbe, seine treuherzigen braunen Augen waren dicht vor ihrem Gesicht. Sein lockiges Haar fiel ihm über die Stirn, er strich es hastig zurück und wurde rot wie ein Mädchen. Das kleidete ihn gut und gab der schüchternen kleinen Pensionärin Mut, ihm zu antworten. In stockenden Worten vertraute sie ihm ihr großes Unglück an.
Er lachte hellauf und legte die Hand beruhigend auf ihren Arm. »Wenn's weiter nichts ist!« sagte er leichthin, »das Billett von Wartha nach Glatz kostet einen Taler, den borg' ich Ihnen mit dem allergrößten Vergnügen.«
Leonie atmete auf. O wie dankbar war sie ihrem jungen Retter! Wie ein Heiland kam er ihr vor, einer, der sich ihrer Not erbarmte hier unter all den fremden Leuten, die nicht mal ihre Sprache verstanden.
In Wartha besorgte er ihr richtig ein Billett und brachte ihr außerdem noch ein großes Glas Limonade. Wie gut die schmeckte nach der heißen staubigen Fahrt!
»Hier bauen sie jetzt den großen Tunnel für die Eisenbahn,« sagte er. »Wir aber fahren noch mit der Postkutsche über den Berg ins Glatzerländchen hinein – es lebe die Romantik, die nun bald tot und begraben sein wird – schade!«
Wie hübsch das klang! Es erinnerte sie an die Literaturstunde bei der klugen lieben Mater Theresia – ach, wenn sie selber nur auch irgend etwas Kluges und Schönes hätte sagen können! Statt dessen sagte sie ganz prosaisch: »In Glatz holt mich sicher der Großpapa ab, da kann er Ihnen gleich den Taler wiedergeben. Wenn nicht …«
»Hole ich ihn mir selbst in Charlottenhof,« sagte er lustig. »Ich hab' ja Ihre Adresse gehört, als Sie einstiegen, Sie sind mir also ganz sicher.« Und beide lachten. O himmlische Ferienzeit!