Wir bummelten über die Promenadendecks nach dem Bug und beobachteten dort das launische Treiben der Delphine. Ihre phosphoreszierenden Körper zogen sich direkt vor dem äußeren Steven des Schiffes durch die rötlich schimmernden Manuaren, sogenannte »spanische Schiffe«, die Korallenriffen gleichend, das Meer beleben, hin.
In der Ferne tauchte ein Licht auf und bald ertönte die Sirene unseres Schiffes, dem diejenige des uns entgegenkommenden Dampfers antwortete. Leise glitt der dunkle Koloß des Afrikadampfers – denn ein solcher war es – an uns vorüber. Alles Leben war dort, wie auf unserem Dampfer, erstorben. Lockende Träume mochten die Schläfer drüben umgaukeln, waren doch viele davon glückliche Menschen, die nach jahrelangem Wirken und Schaffen unter der heißen Tropensonne Afrikas der Heimat zu fuhren.
Wiederum tauchte in der Ferne, in rhythmischen Zeitabständen leuchtend, ein Signallicht auf. Es war das Blinkfeuer, welches von der Insel Tambo ausgehend, die Einfahrt in den Hafen von Conacry in Französisch-Guinea kennzeichnet.
Wir blieben bis zum Morgengrauen auf der Reede von Conacry liegen und gaben später Post und Passagiere an Land.
Zum ersten Male in meinem Leben sah ich eine größere Anzahl Neger. Mit großem Interesse hatte ich die Abstufungen der Völkerrassen vom hohen Norden Deutschlands bis zur heißen Zone Nordafrikas beobachtet und sah nun diese sehnigen, schokoladenbraunen Gestalten in ihrer Heimat. – Trotz des Lächelns, das beim Anblick der Europäer um ihre wulstigen Lippen spielte, konnte man doch den so oft beschriebenen, hinterlistigen Zug in ihren scharfen Augen entdecken und ich hätte mir fürs Erste nicht gewünscht, mit diesen braunen Gesellen unter einem Dach wohnen zu müssen. Doch mein Mann belehrte mich bald eines Besseren, denn er hatte während seiner fünfjährigen Afrikatätigkeit genug Gelegenheit gehabt, das Seelenleben der Neger zu studieren. Einige uniformierte, schwarze Beamte der französischen Kolonialpost, die die Postsäcke und Pakete an Bord brachten, machten einen sehr netten Eindruck und sprachen ein sehr gutes Französisch.
Gegen 10 Uhr lichteten wir die Anker und stachen wieder in See, um in geringer Entfernung vom Land, jedoch außerhalb des Gefahrenbereiches der Riffe, dem nächsten Hafen Monrovia im Negerfreistaat Liberia zuzusteuern.
Während bis hierher die Möven unsere steten Begleiter waren und sich gierig auf jeden über Bord geworfenen Abfall stürzten, entdeckten wir zu unserem nicht geringen Erstaunen in den Tauwerken der Masten einige Schwalben, die von dort aus kurze Flüge unternahmen und die Nächte an Bord unseres Schiffes verbrachten.
Ein sehr nettes Schauspiel war das Bootsmanöver. Die Schiffsglocke ertönte und in kurzer Zeit waren die Boote ausgeschwenkt, bemannt und zu Wasser gelassen. Zwei Rettungsringe mit selbstentzündbaren Lichtbojen wurden über Bord geworfen, die im Ernstfalle den nachts über Bord Springenden Rettung bringen sollten. Interessant zu beobachten waren die Haifische, die im selben Moment, als die Bojen klatschend ins Wasser fielen, auf diese zuschwammen und hastig zuschnappten, dann ihre verkannte Beute rasch wieder losließen und ihr Glück bei einem der zu Wasser gelassenen Boote versuchten. Der Dampfer drehte sofort bei und nahm die Rettungsboote wieder an Bord, die Lichtbojen, die inzwischen erloschen waren, wurden wieder aufgefischt und ruhig setzte der Dampfer seine Fahrt fort, bis wir der Reede von Monrovia ansichtig wurden.
Im Hafen von Monrovia entwickelte sich ein etwas lebhafteres Treiben als vor Conacry, denn zwei Küstendampfer brachten ca. 80-90 Neger an Bord, die während der Fahrt unter der heißen Sonne Afrikas die groben Arbeiten an Bord verrichteten.
Nachdem sie alle übernommen waren, bildeten sich schon verschiedene Gruppen und man merkte sehr bald, daß es nicht das erste Mal war, daß sie im Dienste der Woermannlinie arbeiteten.