Es ist seit Aufgang der Sonne wärmer geworden. Ihre Strahlen, obwohl sie noch schräg fallen, wärmen mit der ganzen Kraft, da sie nicht durch die Atmosphäre abgeschwächt sind, wie dies auf der Erde der Fall ist. Ein seltsamer Anblick! ...

Die Sonne flammt wie eine strahlenlose Kugel, die auf den Bergen wie auf einem mächtigen schwarzen Kissen ruht. Es gibt hier nur zwei Farben, die durch ihren scharfen Kontrast das Auge unaussprechlich quälen: Weiß und Schwarz. Der Himmel ist schwarz und, obwohl es schon Tag geworden, mit einer unermeßlichen Anzahl von Sternen übersät; rings um uns breitet sich eine leere, wilde, Entsetzen erregende Landschaft, ohne Milderung des Lichtes, ohne Halbschatten, zur Hälfte schimmernd weiß vom Sonnenglanz, zur Hälfte dagegen in tiefes Schwarz gehüllt. Es fehlt jene Atmosphäre, die auf der Erde dem Himmel die wundervolle blaue Farbe verleiht, die, selbst von Licht übersättigt, die Sterne vor Sonnenaufgang verrinnen läßt und wonnige Dämmerungen schafft; die sich beim Morgen- und Abendrot in zartes Rosa taucht, in Regenbogen tränkt, mit Wolken verfinstert und feine Übergänge vom grellen Licht zur milden Dämmerung malt.

Nein, unsere Augen sind nicht für dieses Licht und diese Landschaftsbilder geschaffen!

Wir befinden uns auf einer weiten Ebene von massivem Gestein, das hie und da von Spalten zerrissen ist, die sich in nordwestlicher Richtung erstrecken. Im Westen (Osten und Westen unsrer Welt bezeichne ich, übereinstimmend mit der tatsächlichen Lage, also umgekehrt wie wir dies in den Mondkarten auf der Erde finden) im Westen also sieht man steile Hügel, über denen in nordwestlicher Richtung der zerrissene Grat eines Berges thront. Im Norden erhebt sich die Ebene allmählich, jedoch, wie es scheint, zu bedeutender Höhe. Nach Osten zu werden unzählige Spalten, Gebirgsvorsprünge und kleine Schluchten, die künstlich ausgegrabenen Vertiefungen ähneln, sichtbar, und gegen Süden erstreckt sich eine unabsehbare Flachebene.

Varadol behauptet, auf Grund der in Eile vorgenommenen Messungen des Höhenstandes der Erde am Himmel, daß wir uns tatsächlich auf dem Sinus Medii befinden, wohin wir nach den Berechnungen hätten fallen müssen. Mir scheint dies jedoch nicht ganz richtig zu sein, denn die Gipfel, die im Norden und Westen jene Flachebene begrenzen, nämlich die aus den Karten bekannten: Mosting, Sommering, Schroter, Bode und Pallas, entsprechen weder ihrer Lage noch ihrer Höhe nach dem, was wir hier vor uns sehen. Aber schließlich ist es einerlei! Wir fahren nach Westen, um längs dem Äquator, wo nach den Karten der Mondgrund am gleichmäßigsten zu sein scheint, diesen Globus zu umkreisen und auf seine andere Seite zu gelangen.

Bald wird von uns hier nichts mehr übrig sein! Nur das Grab mit dem Kreuze bezeichnet für ewige Zeiten die Stelle, an der die ersten Menschen auf dem Monde gelandet sind.

Lebewohl denn, Grab meines Freundes, du erster Bau, den wir auf dieser neuen Welt errichteten! Lebewohl, toter Freund, teurer und treuloser Vater, der du uns von der Erde entführtest und beim Eintritt ins neue Leben verlassen hast! Das Kreuz, das über deinem Grabe steht, gleicht einer Standarte, die Zeugnis dafür ablegt, daß der siegreiche Tod mit uns gekommen und auch dieses Reich erobert und in Besitz genommen hat ... Wir fliehen vor ihm; du bleibst mit ihm zurück, ruhiger als wir, auf die unbewegliche Erde starrend, die dich gezeugt, das Kreuz, dessen treuer Bekenner du warst, über deinem Haupte.

Am ersten Mondtage, einhundertsiebenundneunzig Stunden nach Sonnenaufgang. Mare Imbrium, 11° westlicher Länge, 17° 21’ nördlicher Mondbreite.

Endlich kann ich meine Gedanken sammeln! Welch ein furchtbarer, erbarmungslos langer Tag, was für eine entsetzliche Sonne, die ihre Gluten fast seit zweihundert Stunden aus diesem grundlos schwarzen Himmel herabsendet! Zwanzig Stunden sind schon seit Mittag vergangen und sie steht noch immer fast senkrecht über unseren Häuptern, inmitten einer Fülle glanzloser Sterne, neben dem schwarzen Reifen der verblaßten Erde, die von einem Hof lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben ist. Wie seltsam dieser Himmel über uns! Alles um uns herum hat sich verändert, nur die Konstellationen der Gestirne sind wie wir sie von der Erde aus gesehen haben. Hier, wo die Luft den Blick nicht trübt, sind unvergleichlich mehr Sterne sichtbar. Das ganze Firmament scheint wie mit Sand von ihnen überstreut zu sein. Die doppelten Sterne leuchten wie farbige Punkte, grün, rot oder bläulich, nicht in der uns bekannten Silberfarbe zerfließend. Dabei erscheint der Himmel, der hier keinen farbigen Lufthintergrund hat, nicht als flache, hohle Kuppel. Man wird sich im Gegenteil seiner unermeßlichen Tiefe bewußt und bedarf keiner Berechnungen, um festzustellen, welcher Stern weiter entfernt oder näher liegt. Blickt man auf den Großen Wagen, bemerkt man, daß einige seiner Sterne tief zurückliegen, im Vergleich mit anderen nähergerückten, während er, von der Erde aus betrachtet, wie sieben Stifte, die in eine glatte Decke eingeschlagen sind, aussah. Die Milchstraße ist hier kein loser Lichtstreifen, sondern eine kompakte Schlange, die sich durch die schwarzen Untiefen wälzt. Ich habe den Eindruck, als wenn ich durch ein wundervolles Stereoskop auf den Himmel sähe.

Und was das Merkwürdigste ist, die Sonne flammt inmitten der Sterne in strahlendster Helle und verdunkelt auch nicht das schwächste der himmlischen Lichter ...