Die Glut ist entsetzlich; man glaubt, die Felsen müßten zu schmelzen beginnen und zerfließen wie an schönen Märztagen das Eis auf unsern Flüssen. So endlos lange Stunden sehnten wir uns nach der Sonne und ihren erwärmenden Strahlen und jetzt müssen wir vor ihr fliehen, um unser Leben zu retten. Seit etwa zehn Stunden stehen wir auf dem Grunde einer tiefen Spalte, die sich vom Fuße des zerklüfteten Berges Eratosthenes den Apennin entlang in die Tiefe des Regenmeeres erstreckt. Hier erst, tausend Meter unter der Oberfläche, fanden wir Schatten und etwas Kühle ...

Nachdem wir hierher geflüchtet, schliefen wir vor Erschöpfung zehn Stunden ohne Unterbrechung. Im Traume schien es mir, daß ich mich noch auf der Erde befinde, in grünen, kühlen Hainen, wo von frischem Moos umrahmt ein kristallklarer Bach plätscherte. Weiße Wolken glitten am blauen Himmel dahin; ich hörte den Gesang der Vögel, das Summen der Käfer und Stimmen der Menschen, die vom Felde heimkehrten.

Selenas Bellen weckte mich auf.

Ich öffnete die Augen, war aber so verschlafen, daß ich lange nicht begreifen konnte, wo ich bin, was mit mir geschieht, was dieser verschlossene Wagen bedeutet und diese Felsen ringsumher, so öde und wild! Endlich wurde mir alles klar — und ein unaussprechliches Weh schnürte mir das Herz zusammen ... Selena bemerkte, daß ich nicht schlief und kam zu mir; ihre Schnauze auf meine Knie legend, sah sie mich mit ihren verständigen Augen groß an und es schien mir, daß ich in ihrem Blick einen stummen Vorwurf las ... Ich streichelte schweigend ihren Kopf, sie begann traurig zu winseln, sich nach ihren Jungen umsehend, die in der Wagenecke munter miteinander spielten. Diese Jungen, Wotan und Leda, sind die einzigen Geschöpfe, die hier froh sind.

Ah, es ist wahr! Manchmal ist auch Martha noch froh wie ein kleines Kind, aber nur, wenn Woodbell, der immer gleich elend ist, die Hand ausstreckt, um ihr üppiges, dunkelbraunes Haar zu streicheln. Dann strahlt ihr schmächtiges Antlitz in hellem Lächeln und ihre großen, schwarzen Augen blicken in grenzenloser Hingebung auf ihren Geliebten, der noch bis vor kurzem so männlich schön war und jetzt vom Fieber verzehrt und abgemagert dahinsiecht. Sie tut alles, um ihn aufzumuntern, ihm mit jeder Bewegung, mit jedem Blick zu sagen, daß sie ihn liebt und in seiner Nähe glücklich ist, selbst hier, wo es so schwer ist, glücklich zu sein. Ich kann mich einer schmerzlichen Eifersucht nicht erwehren, wenn ich sehe, wie sie ihre vollen, leidenschaftlichen Lippen über seine magere Hand, seinen Hals und sein Gesicht gleiten läßt; wie sie die Lider seiner kalten, müden Augen küßt und ihn liebkosend wie ein kleines Kind an ihre wundervoll geformte Brust bettet, ihm seltsame, für uns unverständliche Weisen singend. Er hörte sie wohl von denselben so heiß küssenden Lippen dort — in ihrem Heimatlande — am malabarischen Strande und jetzt, da sie wieder erklingen, muß er von den säuselnden Palmen, vom Rauschen des blauen Meeres träumen ... Dieses Weib bewahrte ihm in ihrer liebenden Seele die ganze Welt, die für uns unwiederbringlich verloren ist.

Nie werde ich den Tag vergessen, da ich sie zum erstenmal gesehen habe. Es war unmittelbar nachdem wir die Nachricht erhalten hatten, daß Braun zurücktritt. Wir saßen alle vier in Marseille, im Hotelzimmer, von dessen Fenstern aus man auf den Meerbusen blickt und sprachen über diesen Rücktritt des Kameraden, der uns sehr nahe ging.

Da meldete man uns, daß eine Frau uns sofort sprechen wolle. Wir überlegten noch, ob wir sie empfangen sollten, als sie schon selbst ins Zimmer trat. Sie war gekleidet wie die Töchter reicher Eingeborener im südlichen Indien. Das Gesicht, ungewöhnlich schön, hatte einen halb verängstigten, halb entschlossenen Ausdruck. Wir sprangen alle erstaunt auf, Tomas aber erblaßte und starrte, sich über den Tisch neigend, aufmerksam forschend in ihr Antlitz. Mit gesenktem Kopfe blieb sie an der Tür stehen.

— Martha, du hier! rief endlich Woodbell.

Sie kam näher und erhob das Haupt. In ihren Zügen war keine Spur mehr von Zaudern oder Unsicherheit; nur eine wahrhaft südländische Leidenschaft flammte aus ihren von schweren Lidern halb bedeckten schwarzen Augen.

Das volle runde Kinn war vorgebeugt; die roten Lippen halb geöffnet, streckte sie Tomas die Hände entgegen und antwortete, zu ihm aufblickend: