Ich erzählte ihm dann, wohl zum hundertstenmal, daß dort Meere sind, Berge und Länder und Flüsse wie auf dem Monde, nur weit größer und schöner; daß es dort viele Häuser gibt, nebeneinanderstehend, die man Städte nennt und in diesen Städten viele, viele, unzählige Menschen wohnen und kleine Kinder. Ich erzählte, daß wir von dort auf den Mond gekommen sind: ich und die Mutter und Peter und sein Vater, der nicht mehr lebt, und sogar die beiden alten Hunde, Wotan und Leda, mit denen er so gerne spielt.
Als ich geendet hatte, machte Tom, der der Erzählung mit großem Interesse zuhörte, ein schlaues Gesicht und sagte, meinen Bart streichelnd:
— Das weiß ich schon alles, aber jetzt, Onkel, mach’ bitte keinen Spaß, sondern sage ganz vernünftig, was ist das, diese Erde?
Beide Hunde standen neben uns, und die Köpfe zur Seite biegend, schauten sie ebenfalls neugierig auf die am Himmel leuchtende Scheibe.
Einige Stunden nach Sonnenaufgang traten wir die Rückfahrt an. Die Erde, durch den Tagesglanz verblaßt, schien hinter uns nur noch wie eine aschgraue, kreisförmige Wolke, die über dem Horizont sichtbar war.
Ein anderes Mal machten wir einen weiten Ausflug nach Süden. Der Strand des Meeres, der sich in gebrochener Linie erstreckt, ungefähr zwischen dem fünfzigsten und sechzigsten Parallelkreis, weicht in der Gegend des 140.° östlicher Mondbreite gegen den Äquator zurück, eine mehrere Kilometer breite Halbinsel bildend und vielleicht auch eine Meerenge, die sich mit den Ländern der südlichen Halbkugel vereinigt. Ich wollte mich darüber orientieren und auf jener Halbkugel vordringen, aber dies gelang mir nur bis zum dreißigsten Parallelkreis. Weiter nach Süden zu war das Klima unmöglich zu ertragen. Die Nächte waren trotz der Nähe der Meere so kalt, daß sie mich an die Fröste erinnerten, die auf der luftlosen Halbkugel herrschten, und während der furchtbaren Glut des Tages hörten die ungeheuren Orkane fast gar nicht auf. Der Boden war felsig, vulkanisch und ganz kahl. Keine Pflanze, kein Leben, nichts — nur eine tote Wüste zwischen zwei feindlichen Meeren, aus denen die scharfen Spitzen vulkanischer Inseln herausragten, die nicht selten durch eine Rauchwolke oder eine blutige Feuersbrunst verhüllt waren. Öfter während dieses Ausfluges bedauerte ich schon, daß ich Tom mit mir genommen hatte, weil ich fürchtete, wir würden beide ums Leben kommen. Da wir der steilen Berge wegen in der Mitte jenes Landstreifens nicht vorwärtskamen, hielten wir uns an dem östlichen Strand, wo sich zu Füßen wilder und phantastischer Felsen eine etliche hundert Meter breite Ebene erstreckte. Es war schon gegen Mittag, und das Meer durch die Flut, die von der Anziehungskraft der hier sehr kräftigen Sonne hervorgerufen ist, so gestiegen, daß seine Oberfläche fast die Oberfläche des Strandes erreichte. Da ich eine Überschwemmung des Weges, den wir passierten, befürchtete, sah ich mich nach einem Ausgang zum Abhang der Felsen um, als sich ein Gewitter erhob, dem ein Orkan von Osten her vorausging. Die mächtigen Wogen ergossen sich über den Strand; eine davon traf unseren Wagen und warf ihn zurück, dicht an eine vorspringende Felsenecke. Es war keine Zeit zu verlieren. Ich befestigte den Wagen mit einer Kette an dem Felsen, und nachdem ich ihn von außen dicht geschlossen hatte begann ich, Tom auf die Schultern nehmend, den Vorsprung zu erklettern. Ich habe im ganzen Leben keine derartige Todesangst ausgestanden wie damals. Mit den Füßen und einer Hand hielt ich mich an dem verwitterten Felsen, mit der andern Hand hatte ich den Knaben gefaßt, der vor Entsetzen zitterte; unter mir das tobende, schäumende Meer und über mir eine Wolke, aus der sich die Donner entluden und strömender Regen herabstürzte. Zum Glück schützte mich der Felsvorsprung vor dem Orkan, sonst wäre ich unzweifelhaft mit den Steinblöcken, die, durch den Sturm vom Gipfel losgerissen, wie Hagel um meinen Kopf sausten, in die Tiefe geschleudert worden. Diese furchtbare Situation machte die Angst um den Wagen, der unten zurückgeblieben war, noch qualvoller. Wenn die Wellen die Kette losrissen und den Wagen davontrieben oder ihn an den Felsen zerschmettern, ja, wenn sie nur den Motor beschädigten, wären wir unrettbar dem Tode verfallen, da wir zu Fuß, ohne Lebensmittelvorräte, ohne Schutz vor der Kälte, unmöglich nach Hause gelangen konnten. Als ich die Stelle erreicht hatte, wo ich Tom unter einen Felsen setzen, zudecken und so festbinden konnte, daß er vor dem Sturme in Sicherheit war, kletterte ich sofort in die Tiefe zurück, um den Wagen besser zu befestigen. Nach vielen Mühen glückte es mir endlich, ihn in eine Kluft zu bringen, wo er vor den Wellen geschützt war.
Wieder bei Tom angelangt, saß ich einige Stunden mit ihm, das Ende des Gewitters abwartend. Das verängstigte Kind schmiegte sich an mich und frug weinend, warum wir hierhergekommen seien. Ich konnte ihm nicht antworten, weshalb wir hierherkamen, wie ich mir schon seit langem die Frage selbst nicht mehr beantworten kann, weshalb wir auf den Mond gekommen sind ...
Durch die Erfahrung betreffs der Rückkehr vorsichtiger geworden, wählte ich einen Weg, der hoch über dem Meeresspiegel führte.
Übrigens war dies der einzige Zwischenfall, durch den uns während der Reise eine ernste Gefahr drohte. Alle andern Ausflüge legten wir ohne Abenteuer in froher Stimmung zurück.
Wir hatten auch ein großes, starkes Boot. Den zweiten Elektromotor, der sich einst im Besitz der unglücklichen Remogners befand, haben Peter und ich ausgebessert und in der Schaluppe angebracht, zur Bedienung der treibenden Schraube. Die Schaluppe benützten wir zu Fischereiexpeditionen; auch fuhr ich öfter darin mit Tom des Vormittags oder in der Abendzeit aufs hohe Meer hinaus.