Während einem dieser Ausflüge entdeckte ich eine Insel, die in jeder Beziehung beachtenswert war. Schon von weitem erstaunte ich über ihre Gestalt ...
Alle Inseln, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte, waren entweder durch Vulkane an die Oberfläche des Meeres gehoben, oder die Gipfel vom Wasser überfluteter Ringberge. Diese Insel dagegen machte auf mich sofort den Eindruck des Überrestes eines vom Meere verschlungenen Landes. Sie war groß und ziemlich flach, lediglich im Südwesten erhob sich eine niedere Bergkette, die seit uralten Zeiten von Regen und Sturm zerbröckelt schien. Ihre Ufer waren steil und scheinbar durch die Brandung zerfressen, denn das Meer war in einem großen Umkreis so flach und mit Sandbänken angefüllt, daß es uns schwer fiel, mit der nicht tiefgehenden Schaluppe zu landen.
Und wie viel Interessantes bot dieses neu entdeckte Stückchen Boden, das den uns bekannten Mondgegenden so gänzlich unähnlich war. Vor allem nahm uns die vollständig verschiedene Flora wunder. Weniger üppig wie anderswo, unterschied sie sich durch eine unendlich größere Verschiedenheit der Gattungen. Auf diesen paar Quadratkilometern Erde traf ich kaum mehr als drei oder vier Stauden an, die mir bereits bekannt waren, aber dafür eine Menge Pflanzen, die sonst an keiner anderen Stelle vorkamen. Alle waren seltsam traurig und degeneriert. Sie machten den Eindruck von Resten eines ausgestorbenen, überall ausgestoßenen Geschlechts, das hier noch, wie durch ein Wunder erhalten, existierte und von der Art des Lebens auf dem Monde vor alten, grauen Zeiten Kunde gab, als hier, wo jetzt das Meer wogt, Länder waren und das Wasser andere Gegenden überflutete. Dasselbe dachte ich, als ich die Tiere erblickte, die auf dieser seltsamen Insel hausten. Es waren nicht viel, und sie unterschieden sich ebenfalls von den mir bisher bekannten. Es lag etwas Greisenhaftes und Trauriges in ihrem Aussehen und Verhalten. Als ich mich näherte, krochen diese gebrechlichen, degenerierten Ungeheuer aus ihren Schlupfwinkeln heraus und schauten mich verständig und prüfend, aber ohne jedwede Furcht an. Erst der Hund, den ich mit mir genommen hatte, jagte ihnen Angst ein; sie ergriffen die Flucht vor ihm und stießen halb zornige, halb traurige Zischlaute aus. Wie ich mich überzeugte, waren das die einzigen Laute, die sie von sich geben konnten.
Tom war wie immer mit mir. Er wunderte sich über alles und blieb fortwährend stehen, mit einem farbigen Stein oder einer Muschel beschäftigt oder eine duftende Pflanze betrachtend, die durch die Stellung der Blätter an irdische Blumen erinnerte. Ich hatte mich gerade einige Schritte von ihm entfernt, als ich sein Rufen vernahm:
— Onkel, Onkel, komm her und sieh, was für schöne Stöcke!
Ich kehrte um und fand den Knaben auf der Erde sitzend, von einer Unmenge weißer dünner langer Knochen umgeben. Ich prüfte sie näher und wußte auf dem Monde kein Tier, von dem sie herrühren konnten.
Nach längerer Untersuchung bemerkte ich zwischen diesen Knochen einen merkwürdigen Gegenstand: es war ein Stück dicken, auf der einen Seite stark gebogenen Kupferblechs, das seiner Form nach an ein breites Messer erinnerte. Das Herz schlug mir heftig: wenn ich mich nicht irrte, wenn dies wirklich ein künstlich gefertigtes Instrument war, so hatten auf dem Monde einst verständige Wesen gelebt.
Ich erinnerte mich an jene Stadt der Toten, die einst auf dem Mare Imbrium vor uns auftauchte und die so denkwürdig war durch den entsetzlichen Vorfall, der den Tod Woodbells verursachte. Wir hatten damals jene Felsen, die Ruinen so täuschend ähnlich sahen, nicht näher betrachten können, und wunderbar, jetzt fand ich abermals etwas, das für die Existenz vernünftiger Geschöpfe hier lange, lange vor unserer Ankunft zu sprechen schien.
Ich besichtigte die Insel weit und breit, stieg in verschiedene zu Füßen der Bergkette liegende Grotten, fand aber nichts, was mich hätte von der Richtigkeit meiner Vermutungen überzeugen können. Zwar schien es mir, daß ich hier oder dort, in dieser oder jener Grotte Spuren einer zweckmäßig gefertigten Arbeit erkannte. Am Ufer des kleinen Teiches sah ich zwei, drei Stück versteinerter Wurzeln, die gewissermaßen Einschnitte hatten, und der Damm, der den Bach verhinderte sich in den Teich zu ergießen, schien mir künstlich erbaut zu sein. In einer anderen Richtung wieder lagen Steine aufeinander, wie der Überrest einer zertrümmerten Mauer; aber das alles konnte ebenso das Werk des Zufalls sein oder nicht verständiger, aber schlauer Tiere. Auf der Erde erheben doch zum Beispiel die Biber die interessantesten Bauten.
Ich konnte also dieses wichtige Rätsel nicht lösen, aber die vorgenommenen Untersuchungen bestärkten meine Vermutungen, daß diese Insel das Überbleibsel eines größeren, im Meere verschwundenen Stück Landes sei, und gaben ein annäherndes Bild von der Mondwelt und des sich auf ihr entwickelnden Lebens in grauen Zeiten, die der gegenwärtigen Epoche vorausgingen.