Ich nannte dieses Land die Friedhofinsel. Gern und oft kam ich hierher, um von den Berggipfeln auf das sich rings erstreckende, von der Sonne golden gefärbte Meer zu schauen, in dessen Fluten wahrscheinlich der Rest dieses Landes versank und ein wer weiß wie seltsames und reiches Leben.

Vor mir am Horizont leuchteten die Gipfel entfernter Vulkane, über denen der finstere, fast unaufhörlich mit einer Feuersbrunst umlohte, mächtige Otamor thronte. Das Meer schäumte, seine Wogen zu der am Himmel träge wandelnden Sonne emporschleudernd, und ich, von seinem dumpfen Brausen, das etwas vom Rauschen dahingegangener Äonen, etwas von der geheimnisvollen Stimme der menschlichen Seele an sich hatte, in Halbschlaf gewiegt, träumte, was wohl an diesem Globus vorübergezogen sein mag, vielleicht ohne denkende Zeugen und unwiederbringlich.

Wann hat hier das Leben begonnen? Vielleicht kühlte sich damals die Erde, in dem frostigen Weltenraum hängend, erst auf der Oberfläche ab, und die Sonne ging, infolge der schnelleren Drehbewegung des Mondklumpens, die im Laufe der Zeiten langsamer wurde, rascher über diese Länder und Meere, dem üppig erwachenden Leben kurze Tage und Nächte schenkend, die schnell aufeinander folgten, ohne Frost und ohne unerträgliche Gluten. Damals stand auch die Sonne nicht über der furchtbaren Wüste des Todes, sondern kreiste am Mondhimmel, auf- und untergehend ... Damals gab es vielleicht noch keine luft- und wasserlose Ebene.

Es konnten doch lange, unerhört lange Zeiten der Starre auf dieser Halbkugel, die, sich einmal dauernd zur Erde wendend, die Luft verlor und mit ihr das Wasser, so weit alle Spur des früheren Lebens verwischen, daß es heute scheint, als wenn sie eine Wüste gewesen wäre seit Anfang der Welt. Tomas hat das einst angenommen.

Ich schloß die Augen und stellte mir vor, daß ich in dem unaufhörlichen eintönigen Brausen die Stimmen jenes ursprünglichen Lebens vernehme. Wälder von hohen mächtigen Bäumen, die sich vor dem Froste der langen Nacht, die noch nicht existierte, nicht zu neigen brauchen, rauschen, ihre Wipfel im Winde wiegend; in ihrem Dickicht leben Tiere, kräftig, riesenhaft, die Vorfahren der heute auf dieser Welt degenerierten Nachkömmlinge; zwischen den Ästen schlagen die Flügel fliegender Eidechsen ... Es ist Abend, und der Wind legt sich, und dort über den Nebeln der feuerspeienden Berge erhebt sich das blutigrote helle Rund der Erde.

Und wer weiß, wer weiß, ob nicht auf dieses aufgehende Licht von den Mauern herrlicher Städte, von schlanken Türmen herab verständige Augen schauten? Ob sich nicht Hände diesem Lichte entgegenstreckten, um den silbernen Schutzengel, der die langen Nächte erleuchtet, zu grüßen?

Wer weiß, ob man nicht hier auf dem Monde einst vermutete, daß auf diesem mächtigen Globus, der zwischen den Himmeln hing, ebenfalls denkende Wesen sind, ob man nicht erriet, wie sie leben und aussehen?

Und unwillkürlich nahm meine Vorstellung eine andere Richtung; sie riß sich vom Monde los wie ein aus dem Käfig flatternder Vogel und eilte weiter, Hunderttausende Kilometer im Weltenraum, dorthin zu jener Erde, die mir die Sehnsucht so göttlich schön gestaltete und so zauberisch malte, wie die untergehende Sonne die schneeigen Gipfel der Berge.

Tom unterbrach gewöhnlich diese Träume auf der Friedhofinsel; das lange Schweigen machte ihn ungeduldig.

Dann kehrten wir nach Hause zurück, wo die Mutter den Kleinen sehnsüchtig erwartete.