Es war wie der Schrei eines schwer erkauften Triumphes, wie das Stöhnen eines Arbeiters, der eine freiwillig aufgenommene Last von seinen Schultern wirft, von Ekel, aber auch von Freude erfüllt, daß er sie getragen hat, wie er beabsichtigte, und nicht unter ihrer Last zusammenbrach, sie auch nicht abwarf vor dem gesteckten Ziel.

Peter war vollständig gebrochen und in Marthas Grausamkeit ergeben. Sie verwundete ihn mit jedem Worte, mit jedem Blick, mit allem, was sie tat und sagte und dabei so unmerklich und so unerbittlich, als wenn es unbewußt geschähe und ein fataler, ungewollter Zufall sei. Aber damals, nach diesen Worten, schaute er sie mit erloschenem Blick an und lächelte verächtlich und dann streckte er die Hand nach Tom aus. Er faßte den Knaben bei der Schulter, und ihn zu sich heranziehend, blickte er ihn lange durchdringend an. Tom war geistig sehr entwickelt, aber für sein Alter auffallend schmächtig. Der Stiefvater schob den breiten Ärmel der Bluse des Kindes zurück und entblößte seine zarte Schulter, schlug leicht mit der Hand auf die schmalen Achseln, betastete die Hüften und Knie, klopfte auf die Brust, lächelte wieder höhnisch, und die Hand auf den Kopf des verängstigten Knaben legend, zischte er, Martha anstarrend, jedes Wort betonend, durch die Zähne:

— Ja ... Tom ist stark genug, um den Mädchen zu befehlen, aber sein Bruder kann stärker sein.

Martha erblaßte und schaute unruhig auf den Knaben. Aber ihre Besorgnis dauerte nicht lange. In den glänzenden Augen des Kindes las sie scheinbar das, was zu allen Zeiten in den Augen der Schöpfer einer neuen Ordnung geschrieben stand, denn sie lächelte nur und antwortete kurz:

— Tom wird stärker sein, wenn auch der andere größer sein sollte.

In der Tat verriet Tom schon damals, als kleiner sechsjähriger Knabe, ungewöhnlichen Scharfsinn und bewundernswerte Energie. Er entwickelte sich schnell und auf eine seltsame Art; in gewisser Beziehung ganz anders, wie sich für gewöhnlich das Gemüt der Kinder dort auf der Erde entwickelt. Beizeiten lernte er Selbständigkeit und hatte einen so ausgeprägt praktischen Sinn, daß wir manchmal staunten. Es war keine Spur einer kindlichen Schwärmerei an ihm zu entdecken; Tom war nüchtern, so entsetzlich nüchtern, daß es mir manchmal weh tat, wenn ich auf dieses helle Haupt des Kindes schaute, in dem die Gedanken, von keinerlei Träumereien getrübt, so ruhig und klar dahinflossen wie unter dem kahlen Schädel eines Greises. Der Knabe hatte trotz alledem viel Herz: er liebte die Mutter zärtlich und hing sehr an mir; nur Peter konnte er nicht leiden. Stets sicher und selbstbewußt, wie sein Vater, war er in Peters Gegenwart verängstigt und verwirrt. Übrigens weiß ich es nicht einmal, ob ich die Ausdrücke recht gewählt habe, um zu beschreiben, was in der Seele des Kindes in Gegenwart des Stiefvaters vorgehen mußte. Tom schwieg alsdann stets so hartnäckig, daß es schien, als wenn er lieber alle Qualen ausstehen würde als die Lippen öffnen. Nur die Augen irrten unruhig umher. In seinem Benehmen war Angst, aber auch Trotz, Verbissenheit, Haß und Widerwille lagen darin. Peter fühlte und sah das, und es schien mir, daß er schon damals dieses seltsame Kind fürchtete.

Martha hatte recht: Tom war keiner von denen, die zum Gehorchen geschaffen sind. Es war zu viel des entschiedenen, weltumfassenden Geistes der Engländer in ihm und zu viel flammendes Blut der stolzen Radschas aus Travancore.

Daher bin ich auch überzeugt, daß, wenn er einen Bruder bekommen sollte, der größer und stärker ist als er, dieser genau so hinter ihm herlaufen und ebenso demütig in seine Augen schauen würde, wie die beiden kleinen Schwestern Lilli und Rosa.

Aber Tom wurde kein Bruder geboren; es kam ein drittes Mädchen zur Welt, das wir Ada tauften.

Martha begrüßte ohne Freude und Rührung die Geburt dieses Kindes.