Schließlich ist es ganz gut, daß Tom kein Bruder geboren wurde, er wäre sein Sklave oder — sein Feind geworden.

Ich verließ das Zimmer und dachte lange über die furchtbare Ironie des menschlichen Daseins nach, die uns von der Erde auf den Mond nachfolgte. Zu O’Tamor eilten meine Gedanken. Edler Träumer! Wie er es sich so schön vorstellte, daß hier auf dem Monde aus den Kindern Marthas und Tomas’, die vor dem schlechten Einfluß der irdischen „Zivilisation“ bewahrt blieben, ein neues, ideales Geschlecht erblühen würde, dem alles fremd und unbekannt wäre, was die ewige Ursache des menschlichen Unglücks auf der Erde ist! Ich blicke auf diese Kinder und denke mir, daß der kluge, edle O’Tamor nur eines vergessen hat, nämlich daß die Nachkommenschaft des Menschen sich stets aus menschlichen Wesen zusammensetzen wird, die in ihrer Brust den Keim alles dessen tragen, was der Jammer der menschlichen Geschlechter geworden ist. Und ist es nicht die grausamste Ironie, daß der Mensch seine Feinde in sich selbst sogar bis auf die Sterne hinüberträgt, die am fernen Himmel über ihm leuchten?

Es ist gut, daß Tom keinen Bruder hat, wenigstens wird dadurch die Zeit der Bruderkämpfe und Feindseligkeiten hinausgerückt, und wir werden vielleicht indessen sterben und sie nicht mehr mit anzusehen brauchen ...

Und die Mädchen? ... Es scheint mir, daß sie dazu geschaffen sind, ihm zu gehorchen. Sie werden am Ende nicht einmal das ihnen zugefügte Unrecht verstehen, sondern glücklich sein, wenn ihr Bruder, Gatte und Herr sich ihnen gegenüber manchmal gnädig zeigt ... Bezüglich Lilli und Rosa bin ich dessen bereits sicher; Ada hingegen ist noch zu klein, sie ist jetzt nach irdischer Zeitrechnung kaum drei Jahre alt, um irgendwelche Vermutungen bezüglich ihrer zukünftigen Stellung zu dem Stiefbruder auszusprechen. Ich bemerke nur, daß sie ihn nicht so liebt wie die älteren. Tom ist ihr gegenüber ebenfalls sehr gleichgültig.

Die aufmerksame Beobachtung des Heranwachsens und der geistigen Entwicklung dieser vier Kinder bildet in der letzten Zeit meine einzige, wenn auch traurige Zerstreuung. In physischer Beziehung haben sie sich den Bedingungen der Mondwelt, die für uns von der Erde Gekommenen immer fremd und unerträglich sind, obwohl wir schon so viele Jahre hier leben, vortrefflich angepaßt. Etwas ungemein Schwieriges ist zum Beispiel für uns die Regulierung des Schlafes. Während des langen Tages müssen wir fast ebensoviel schlafen wie während der Nacht. Das bringt das Unangenehme mit sich, daß wir den dritten Teil der Zeit, während der die Sonne am Himmel steht, durch den Schlaf verlieren; das ist etwas Unnatürliches und infolgedessen wenig Erfrischendes. Und dafür sitzen wir zwei Drittel der Nacht schlaflos da, von der Kälte, der Dunkelheit und, was noch schlimmer ist, von der Langenweile gequält. Die Kinder, die hier geboren sind, schlafen am Tage sehr wenig, kaum eine, höchstens zwei Stunden in zwanzigstündigen Pausen, aber dafür schlafen sie fast die ganze Nacht mit kleinen Unterbrechungen. Einige Stunden nach Sonnenuntergang überkommt sie schon ein unbezwinglicher Schlaf. Wenn sie in der Nacht aufwachen, so ist das nur auf zwei, drei, höchstens vier Stunden, worauf sie wieder einschlafen, wie bei uns auf der Erde die Zieselmäuse oder Vögel bis zu der Zeit schlafen, da die erste zarte Dämmerung am Himmel das Herannahen des Tages verkündet.

Sie vertragen auch das hiesige Klima unvergleichlich besser als wir. Die Hitze schwächt sie nicht in dem Maße und ruft nicht die Erregung noch den Schlaf hervor wie bei uns.

Aber am meisten wundert es mich, daß die Kinder auch gegen die Kälte viel abgehärteter sind als wir älteren. Am Morgen, wenn es am kältesten ist, laufen sie, eben vom langen Schlafe erwacht, oft hinaus und entfernen sich, sogar ziemlich weit, während wir uns alsdann nur im äußersten Notfalle ins Freie wagen.

Der Anführer dieser morgendlichen Ausflüge ist immer Tom. Die beiden älteren Mädchen laufen ihm nach, ebenso wie der alte Wotan, anscheinend von derselben blinden Anhänglichkeit geleitet. Dieser Hund und diese Mädchen bilden den ständigen Hof Toms.

Ich glaubte anfänglich, daß die Kinder im Schnee spielen gehen, der früh nach Sonnenaufgang schmilzt, oder sich auf der Eisbahn am Strande des in der Nacht zugefrorenen Meeres unterhalten. Aber bald habe ich mich überzeugt, daß die kleine Schar unter der Führung Toms in aller Frühe — auf die Jagd geht! Seltsam, daß wir noch nicht auf diesen Einfall gekommen sind! Alle hiesigen Tiere graben sich zum Schutze vor der Kälte in die Erde ein und schlafen während der Nacht.

Tom hat dies mit Hilfe Wotans, der eine vorzügliche Witterung hat, herausbekommen. Er suchte unter dem Schnee die Schlupfwinkel der verschiedenartigsten kleinen Ungeheuer auf und schlug sie tot, bevor sie aufwachten. Das Fleisch der hiesigen Landtiere ist zwar, wie ich schon bemerkte, nicht zu genießen, aber dafür liefern ihre Häute uns schöne dauerhafte Pelze oder Hornmaterial, das dem Schildpatt sehr ähnlich ist. Das Jagen ist während des Tages oft schwierig, da die Tiere uns wie auch den sie verfolgenden Hunden gegenüber mißtrauisch geworden sind. Wie groß war daher mein Erstaunen, als Tom eines Morgens mehrere Häute brachte, unter denen einige frisch waren und der Rest sehr sorgsam gegerbt! Diese letzteren stammten von früheren Jagden. Der Junge sah, wie wir die von den toten Tieren gerissenen Häute mit scharfen Muscheln gereinigt und mit Salz, das sich in ziemlicher Menge am Meeresstrande befand, gegerbt haben, und machte das alles auf eigene Faust und nicht viel schlechter als wir!