— Ich werde nicht sterben, denn ... was hätte ich davon?

Ich lachte unwillkürlich über diese kindliche Bemerkung und setzte ihm abermals auseinander, daß der Tod nicht von dem menschlichen Willen abhänge, aber Tom war nicht bei der Sache und dachte scheinbar an etwas anderes. Endlich sagte er mit gedämpfter Stimme und wie zögernd:

— Onkel, wenn Peter sterben muß, so soll er früher sterben wie du, zuerst von uns allen, er soll bald sterben. Er ist doch vollständig unnötig. Dann würdest du allein mit uns und der Mutter bleiben und es wäre uns allen wohl ...

Ich erklärte dem Knaben, daß er niemandem den Tod wünschen dürfe und um so weniger Peter, der doch der Vater seiner Schwestern Lilli und Rosa sei. Er schaute finster drein und seufzte, dann sagte er vorwurfsvoll:

— Onkel, warum bist du nicht der Vater meiner Schwestern? Du bist mir viel lieber als Peter und auch der Mutter ... Peter ist überflüssig.

Ich fühlte die verborgensten tiefsten Fasern meines Herzens erbeben, und gleichzeitig packte mich Entsetzen, denn das war ein Gedanke, der in letzter Zeit auch mir öfter durch den Kopf fuhr. Ich kann mich nicht anklagen. Ich hielt den einmal gefaßten Entschluß und harrte auf dem freiwillig gewählten und so unerhört lächerlichen Posten eines gutmütigen Lehrers fremder Kinder aus, aber was ich gekämpft, was ich gelitten habe, das kann ich heute nicht mehr mit Worten schildern.

Denn ich hatte doch diese Frau, die mir so teure und einzige auf dieser Welt, stets um mich, ich sah, daß sie unglücklich war und manchmal redete ich mir sogar ein, daß sie mit mir glücklicher wäre. Es gab Tage, wo ich, auf Peter blickend, den Griff des Revolvers in der Tasche preßte, und andere, da ich mir den Lauf vor die Zähne hielt, weil ich glaubte, es nicht länger ertragen zu können.

Aber ich habe es dennoch ertragen! Ich habe es ertragen, obwohl mir das Blut oft den Blick verschleierte und der Krampf meine Brust zusammenschnürte, ich habe es ertragen, trotzdem mich die Versuchungen, die mich im Schlaf und im Wachen folterten und verfolgten, dem Wahnsinn nahe brachten.

An jenem unvergeßlichen Tage, als wir das Los um Martha ziehen sollten, dachte ich, auf ihren Besitz verzichtend, daß ich mit der Zeit ruhiger würde und vergessen könnte; aber vergeblich gingen die Jahre dahin, vergeblich irrte ich fern von ihr in der Einsamkeit, vergeblich widmete ich mich der Erziehung Toms und dem Gedanken an das künftige Geschlecht: Sie ist mir stets ebenso teuer wie damals, dort im Polarlande, als ich nach langer, dank ihrer Pflege glücklich überstandener Krankheit, mit ihr auf den wonnigen, in Dämmerung gehüllten Wiesen wandelte, über gleichgültige und so bedeutungsvolle Dinge sprechend.

Meine Muskeln und Sehnen sind kräftig und rüstig, aber mein Geist beginnt zu altern, ich fühle es; die Sehnsucht nach der Erde lastet auf meiner Seele und eine immer größere Trauer greift um sich in meinem Innern: Ich sehe nicht nur durch Tränen, nein, ich denke auch nur noch durch Tränen! Nur diese Liebe in meinem Herzen will nicht älter und schwächer werden, im Gegenteil, sie wächst mit dem Alter, zugleich mit der mich immer mehr bedrückenden Sehnsucht. Ich weiß, daß ich lächerlich bin, und ich kann nicht einmal über mich lachen.