— Es ist unmöglich, sich selbst zu gehören, unmöglich, flüsterte sie mehr zu sich selbst und küßte das Kind herzlich.
Nachmittags sprach sie lange mit Tom. Nachdem sie ihn zu sich gerufen hatte, erzählte sie ihm vom Vater, vielleicht zum tausendstenmal, eine Unmenge Einzelheiten wiederholend, die zusammengenommen ein seltsames Märchen bildeten, eine Hymne für den verstorbenen Geliebten. Tomas war ein tüchtiger, vortrefflicher Mensch, aber in den Erinnerungen Marthas wurde sein Bild göttlich, die Verkörperung von allem, was gut und groß und schön ist.
Sie ermahnte Tom, daß er zu seinen Schwestern gut sein müsse. Das setzte mich in Erstaunen, denn solche Lehren hatte ich nie aus ihrem Munde gehört.
Gegen Abend begann sie über eine allgemeine Schwäche zu klagen, über Schwindel und Schmerzen in den Gliedern. Gewöhnlich ertrug sie alle Unpäßlichkeiten schweigend, so daß wir nur aus ihren Zügen erraten konnten, wenn ihr etwas fehlte; nie kam ein Wehlaut über ihre Lippen, noch suchte sie je bei uns Mitleid oder Hilfe. Selbst wenn wir bemerkten, daß sie schlecht aussah und sie frugen, was ihr fehle, schüttelte sie den Kopf und sagte lächelnd:
— Es fehlt mir nichts ... Oder: Das geht vorüber, ich werde noch nicht sterben, denn ich bin Tom noch notwendig.
Infolgedessen beunruhigten mich ihre Klagen an diesem Abend um so mehr. Ich sah sie forschend an und bemerkte erst jetzt, beim Lichte des erlöschenden Tages, daß Fieberflecke auf ihren Wangen brannten und ihre Augen schwarz umrändert und eingefallen waren. Sie hatten nichts von dem früheren Glanz verloren: All die vergossenen blutigen Tränen vermochten nicht den Strahl dieser Augen zu trüben, aber sie leuchteten jetzt in einem ungesunden Feuer, das nichts gemein hatte mit jener früheren sternenklaren Helligkeit!
Als die Sonne untergegangen war, begann Martha, die sich niedergelegt hatte, mehr infolge der Schwäche als aus Schlaflosigkeit, unruhig zu werden. Sie sprang vom Lager auf, es war ersichtlich, daß sie fieberte. Sie rief die Kinder, die schon schliefen, dann rechtfertigte sie sich, kaum hörbar flüsternd, vor sich selbst oder auch vor dem Geiste des Verstorbenen, der ihr scheinbar vor Augen stand, ihres Lebens wegen und klagte sich der Geburt dieser armen Mädchen an, ja sogar wegen ihrer Liebe zu ihnen, die sie nicht hatte ganz unterdrücken können. Ich glaube, daß ihrer Überzeugung nach diese Mutterliebe ausschließlich ihrem Sohne gelten durfte und jede ihrer Äußerungen den Töchtern gegenüber ihr als ein Tom und dem Toten zugefügtes Unrecht erschien.
Nach einiger Zeit beruhigte sie sich ein wenig. Ich saß mit Peter an ihrem Lager, angstvoll und niedergedrückt; vor allem peinigte uns der Gedanke, daß wir keine Arzeneien hatten und dieser Krankheit gegenüber ganz ratlos waren. Martha schaute uns lange mit weit geöffneten Augen an und frug dann plötzlich, ob die Sonne schon untergegangen sei. Ich antwortete ihr, daß die lange Nacht auf dem Monde bereits begonnen habe.
— Ah, es ist wahr! sagte sie, wieder klarer bei Besinnung. Draußen ist es doch finster und hier brennen die Lichter ... Ich habe es nicht gleich bemerkt. Und dort auf dem Mare Frigoris, was ist jetzt dort?