Manchmal erinnere ich mich an das goldene Märchen, daß die menschliche Seele, vom Körper befreit, nach Gutdünken in den Welten herumwandern könne, auf Sternen und Sonnen. Als ich noch ein kleiner Knabe war, der auf der Erde wohnte, träumte ich davon und dachte an die Reisen im sternenbesäten Weltenraum. Jetzt möchte ich nur noch auf der Erde sein, ewig, ewig auf der Erde! Und wenn mich manchmal die Angst überfällt, daß die Erde heute so anders ist als da ich sie vor fünfzig Jahren kannte, dann erinnere ich mich, daß dort doch auch jetzt noch Menschen sind und Wälder und singende Vögel, daß es dort blühende Fluren und duftende Blumen gibt! Das genügt meinem Geiste, dorthin zu ziehen, wenn er die Freiheit erlangt hat.

Wie lange habe ich den Gesang der Vögel nicht gehört! Und ich erinnere mich an wonnige Maienmorgen, die ganz von Vogelgesang erfüllt waren ... Die Dämmerung beginnt, der Himmel verblaßt, dann färbt er sich allmählich im Osten in zartes Rosa. Eine tiefe, andächtige Stille! Nur das Geräusch der von den Blättern der Bäume herabfallenden großen Tauperlen ist vernehmbar. Da plötzlich das erste kurze, abgebrochene Gezwitscher; das zweite von einer anderen Seite, das dritte, vierte ... Noch eine kleine Weile der Ruhe und dann, als wenn alle Bäume und Sträucher erwacht und lebendig geworden wären: rings umher ein Pfeifen, Singen, Schlagen, Jubilieren! Zunächst kann man die einzelnen Laute noch gar nicht unterscheiden; hier läßt sich die Amsel vernehmen, dort aus dem Walde tönt das Schreien des Habichts, wieder näher die Meisen, die Bachstelzen und Drosseln, die ihre Stimmchen erheben. Hoch oben die Lerche, die in den Lüften schmettert, und in lauschigen Büschen schlägt die Nachtigall. Ein jubelnder Chor, und die Luft, die Blätter und Blumen und Gräser erzittern ... Die Welt hat sich indessen erhellt, der Himmel wird röter und röter, bis endlich die goldene Sonne am Firmament emporsteigt ...

Hier schleicht sie langsam und träge, diese Sonne! Man könnte fast glauben, daß sie sich nicht beeilt, weil keine süßen Stimmen sie rufen. Die mehrstündige graue Dämmerung, während der die Gegend in Frost und Schnee erstarrt und traurig daliegt, belebt kein Vogelgesang ... Hier erhebt sich die Sonne über einer toten Welt, die in eine grauenhafte Stille gehüllt ist. Nur der Mensch, der von einem fernen Gestirn gekommen, unterbricht die bange Lautlosigkeit durch seine Gegenwart; ein Kind, das erwacht, weint leise, oder ein verwilderter Hund heult in der Höhle, aus der er irgendein kleines Mondungeheuer verjagt hat, um vor der Kälte Schutz zu suchen. Still ist es, still, während des ganzen langen, unendlich langen Tages! Ein Sturm, der sich erhebt, das Meer, das um die Felsen braust, oder das entfernte Dröhnen eines Vulkans, sonst nichts, nichts ...

*

Heute steht mir alles, was ich erlebt habe, so klar vor der Seele! Ich durchwühle die vergilbten Blätter des Tagebuches, und wenn ich für eine Minute die Augen schließe, so scheint es mir, daß ich das Geräusch des Wagens höre, der uns durch die fürchterlichen Mondwüsten fährt, daß ich diesen grundlosen Himmel über mir sehe und die in seiner Dunkelheit leuchtende Erde. Die mächtigen Berge, die sich im Schatten im tiefsten Schwarz der Kohle malen und im Glanz der Sonne, die strahlenlos zwischen den verschiedengefärbten Sternen zu der eine immer engere Sichel bildenden Erde wandelt, in allen Regenbogenfarben spielen. Und dann tauchen die ersten Jahre, die ich hier am Meeresstrande verlebte, vor meiner Erinnerung auf. Durch die geschlossenen Augenlider sehe ich Martha, traurig und blaß, und Peter und diese wonnigen Kinder, die heute schon nicht mehr sind. Nur Ada ist noch am Leben, aber sie scheint sich nicht mehr an die Eltern zu erinnern, obwohl sie das, was sie durch mich von ihnen gehört hat, mit phantastischen Zutaten vermischt, dem neuen Geschlecht erzählt. Sie war noch so klein, als sie gestorben sind. Heute ist sie nach mir die älteste auf dieser Welt, und diese Zwerge verehren sie fast ebenso wie mich, nur mit dem Unterschied, daß sie mich auch noch fürchten, obwohl ich, Gott ist mein Zeuge, nicht weiß weshalb, denn ich habe ihnen niemals etwas zuleide getan.

Eins ist wahr. Ich kann nicht mit ihnen umgehen wie mit mir gleichen Geschöpfen. Manchmal machen sie sogar den Eindruck von seltsam einfältigen Tieren auf mich. Schon das erste hier geborene Geschlecht war von uns, den von der Erde Gekommenen, grundverschieden. Tom und seine Schwestern sahen als erwachsene Menschen neben mir wie Kinder aus. Ihre Größe wie ihre Kräfte haben sich schon den Bedingungen dieser Welt angepaßt: ihren kleineren Maßen und dem verringerten Gewicht der Dinge. Dem heutigen Geschlecht gegenüber bin ich ein wahrer Riese. Die Enkel Marthas, schon erwachsene Menschen, die hier erstaunlich früh reifen, reichen mir kaum bis zu den Hüften und beugen sich unter der Last von Gegenständen, die ich mühelos mit einer Hand aufhebe. Trotz des überaus zarten Körpers sind sie jedoch von robuster Gesundheit und gegen Hitze und Kälte abgehärtet.

Die langen Nächte verschlafen sie zum größten Teil, aber wenn es nottut, arbeiten sie auch bei der empfindlichsten Kälte mit einer Ausdauer, die meine Bewunderung erregt.

Die geistige Entwicklung dieser Zwerge ist gänzlich zurückgeblieben. Die armseligen Brocken der Zivilisation, die wir von der Erde mit hierhergebracht haben, was ist aus ihnen geworden? Ich blicke um mich und habe den Eindruck, mich unter Wesen zu befinden, die auf die Bezeichnung „Mensch“ kaum einen Anspruch mehr haben. Sie können lesen und schreiben, aus Erz Metalle schmelzen und Fallen stellen und Kleider nähen; sie bedienen sich des Feuers, wissen sogar mit der Verwendung verschiedener Meßinstrumente Bescheid, sprechen mit mir in ziemlich reinem Polnisch und verstehen so leidlich den Inhalt französischer und englischer Bücher, aber untereinander reden sie ein erbärmliches Kauderwelsch, das sie sich aus polnischen, englischen, malabarischen und portugiesischen Worten zusammenwürfeln. Unter ihren engen Schädeln fließen die Gedanken träge und schwerfällig und es scheint, daß sie sie nur mit der größten Anstrengung zu Worten formen, dabei mit den Händen gestikulierend und Grimassen schneidend, wie Wilde irgendwo im Innern Afrikas oder auf den südlichen Grenzen des amerikanischen Kontinents ...

Und eine unermeßliche Trauer erfüllt mich, wenn ich auf diese dritte Generation der von der Erde hierhergekommenen Menschen blicke! Und diese Trauer wird dadurch um so größer, daß ich mich in dem Gefühl des eigenen Höherstehens einer gewissen Nichtachtung diesen armen Halbmenschen gegenüber nicht erwehren kann und mich gleichzeitig als Mitschuldiger an dem hier begangenen Verbrechen betrachten muß. Denn wir haben tatsächlich verbrecherisch die Würde des Menschengeschlechts geschändet, indem wir ihm erlaubten, sich auf diesem für seine Entwicklung nicht geeigneten Globus fortzupflanzen. Die Natur ist ebenso unerbittlich da, wo sie im Triumphzuge vorwärtsschreitet und, ihr Werk des Emporstrebens erfüllend, immer neue und immer höhere Formen schafft, wie auch dort, wo sie beleidigt zurückweicht und das widerruft und verneint, was sie geschaffen hat. Vergeblich habe ich mit ihr gerungen, vergebens versucht, dieses Mondgeschlecht auf der geistigen Höhe zu erhalten, die die Menschen auf der Erde erklommen haben. Das einzige und unerwartete Resultat all meiner Bemühungen ist diese mit heiliger Furcht vermischte Verehrung, die sie mir entgegenbringen. Ich bin für sie nicht nur ein Riese, sondern ein geheimnisvolles Wesen, das weiß, was sie nicht wissen, und versteht, was sie zu verstehen nicht fähig sind.

Und dabei erzählt ihnen Ada immer wieder von neuem, daß im Norden ein Land liegt, wo die Sonne nicht untergeht, daß sich eine grenzenlose Wüste dort erstreckt und über dieser Wüste ein mächtiger goldener Stern leuchtet, von dem ich auf den Mond gekommen sei. Ist das nicht genug, um die Köpfe dieser armen Degenerierten zu verwirren? Sie waren niemals dort und haben die leuchtende Erde nie gesehen, aber Ada war mit mir im Polarlande und erzählt ihnen Wunder, und sie hören ihr mit angehaltenem Atem zu und blicken ängstlich auf mich, auf meine im Verhältnis zu ihnen riesenhafte Gestalt.