Auch fiel uns noch der Umstand ein, daß wir die Kanone, die lediglich für einen senkrechten Schuß konstruiert war, nur in der Nähe des Mittelpunktes der Mondscheibe gebrauchen könnten, wo sich die Erde im Zenite über uns befindet. Für einen parabolischen Schuß von einer andern Stelle des Mondes aus genügte die Kraft des Geschosses nicht und selbst wenn sie genügen würde, hätten wir keine Möglichkeit, die Kanone genau so aufzustellen, um sicher zu sein, daß die Kugel, eine krumme Linie beschreibend, trotzdem ihr Ziel — die Erde — nicht verfehlt. So hätten wir also vielleicht mit einem Schusse weitere Expeditionen aufgehalten, wären alsdann aber nicht mehr imstande, durch einen zweiten Schuß neue Kameraden herbeizurufen, falls wir — bis zur Grenze der von der Erde aus sichtbaren Mondscheibe gelangt — dort günstige Lebensbedingungen antreffen sollten. Auf diese Weise wären wir hier zu einer ewigen Einsamkeit verurteilt. Sollten indessen die Brüder Remogner trotz alledem hierher kommen, so würden sie vielleicht einen stärkeren telegraphischen Apparat mit sich führen und wir so durch sie eine dauernde Art der Verständigung mit den Erdbewohnern erhalten.

Alle diese Umstände sprachen dafür keine Zeit mit dem Suchen der Kanone zu verlieren. Nach kurzer Unterbrechung setzten wir daher unsere Reise fort.

Es sind wiederum vierundzwanzig Stunden verflossen und wir hatten schon gegen hundertdreißig Kilometer hinter uns. Die Sonne stand bereits 28° über dem Horizont und die Hitze wurde immer größer. Wir konstatierten dabei eine interessante Erscheinung. Während sich nämlich die Wand des Wagens, die der Sonne zugekehrt war, so erhitzte, daß sie geradezu brannte, war die der Sonne abgewandte Seite kalt wie Eis. Das Gefühl der Kälte hatten wir auch jedesmal, wenn wir in den Schatten irgendeines Felsvorsprunges fuhren, die wir immer häufiger unterwegs antrafen. Der Grund für diese gewaltsamen Übergänge zwischen Wärme und Kälte ist das Fehlen der Atmosphäre, die auf der Erde zwar die direkte Kraft der Sonnenstrahlen vermindert, sich dafür aber selbst erwärmt und diese Wärme gleichmäßig verteilt, weiterleitet und ein zu schnelles Verfliegen derselben durch Ausstrahlen verhindert.

Aus demselben Grunde ist hier jeder Schatten gleichbedeutend mit Nacht. Das Licht, das nicht in der Atmosphäre verbreitet ist, dringt nur an solche Orte, die den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. Hätten wir nicht den Reflex der von der Sonne erleuchteten Berge und das Licht der Erde, müßten wir jedesmal wenn wir in einen Schatten hineinfahren unsere elektrischen Lampen aufflammen lassen.

Wir hatten jene abschüssige glatte Fläche passiert und begannen uns nach Westen zu wenden, um den vermutlichen Krater Mosting zu umkreisen, nur mit großer Mühe und sehr langsam in diesem wilden Gebirgslande vorwärtsdringend.

Die Landschaft ähnelt in keiner Beziehung den Alpenlandschaften auf der Erde! Dort breiten sich zwischen Gebirgskämmen, die die Gipfel miteinander verbinden, üppige Täler, die durch das Wirken des Wassers im Laufe von Jahrtausenden ausgehöhlt worden sind; hier ist keine Spur von alledem zu finden. Der ganze Grund ist gewölbt und mit einer unermeßlichen Anzahl nicht miteinander verbundener Mulden mit vorspringenden Rändern angefüllt, oder auch mit glatten, vereinzelten Hügeln, oft von ganz ansehnlicher Höhe. Die Stelle der Täler nehmen tiefzerklüftete Risse ein, die sich meilenweit erstrecken und aussehen, als wenn sie mit einem mächtigen Beile in gerader Linie bis auf den Grund gespalten wären. Ich zweifle nicht daran, daß es sich hier um ein Bersten der erlöschenden und sich krümmenden Mondoberfläche handelt.

Dagegen fanden wir keine Spur irgendeiner Wasserwirkung der auf der Erde so übermächtigen Erosion. Ich glaube auch, daß dieses Land niemals Luft und Wasser gehabt hat.

Wir staunten anfangs über die große Menge des Gesteins, das auf dem felsigen Boden zerstreut lag. Aber ungefähr dreißig Stunden später, als die Spannung der Hitze sich auf ein unerhörtes Maß steigerte, erkannten wir die Ursache. Wir fuhren gerade an einem hohen Felsen entlang, dessen Gestein unserem Marmor außerordentlich ähnlich war, als sich plötzlich vor unseren Augen ein Felsblock von einigen zehn Metern im Durchmesser vom Gipfel loslöste und, in Kieselsteine zerstäubend, jählings in die Tiefe hinabsauste. Und dies geschah mit einer geradezu schaurigen Lautlosigkeit. Infolge des Luftmangels hörten wir kein Geräusch; nur der Grund erbebte unter unserem Wagen, als wenn der Mond plötzlich wankte. Die Felsen, die in der Nacht durch die Kälte wie durch einen eisernen Reifen zusammengepreßt werden, erweitern sich während der furchtbaren Glut des Tages an der Seite, die den brennenden Strahlen ausgesetzt ist; die ungleichmäßige Verteilung von Hitze und Kälte muß das Zerspringen und Zerbröckeln vereinzelter Blöcke dieser gigantischen Steinwelt verursachen.

Inzwischen empfanden wir jene scharfen Steine, die die mächtigen Flächen übersäten, ziemlich unangenehm. Wir passierten Stellen, wo unser Fahrzeug sich vermittels der Räder absolut nicht vorwärtsbewegen konnte. Dort ließen wir die „Tatzen“ aus, die dem Wagen ermöglichten die größten Hindernisse zu überklettern wie ein behendes, leichtfüßiges Tier. So kamen wir glücklich über die sich auftürmenden Steinmassen hinweg. Trotz der zahlreichen Versuche, die wir mit dem Wagen auf der Erde machten, hatten wir keine Vorstellung von den Beschwerden einer derartigen, länger andauernden Fahrt. Wenn die Anziehungskraft des Mondes und die damit verbundene Schwere nur um die Hälfte größer wäre, hätten wir in diesem Gestein, unfähig uns von der Stelle zu rühren, elend zugrunde gehen müssen.

Seit Sonnenaufgang ist schon der dritte Erdentag vorübergegangen, während dessen wir kaum zwanzig Kilometer weiter kamen. Die Hitze wird unerträglich. In der dumpfen, glühenden Luft des Wagens und durch die heftigen Bewegungen gerüttelt, fiebert Woodbell aufs neue. Die Wunden, die er beim Fallen des Projektils auf die Mondoberfläche davontrug, beginnen ihn wieder zu schmerzen. Ein Glück, daß wir drei wenigstens heil davongekommen sind! Noch jetzt erfaßt mich ein Schaudern bei dem Gedanken an jene furchtbare Erschütterung!