Er entwickelte sich erstaunlich schnell, scheinbar unter den Einwirkungen der Bedingungen dieser Welt. Als er vierzehn Jahre zählte, war er bereits ein erwachsener, reifer Mensch. Die beiden älteren Schwestern wuchsen auch schon heran. Ich blickte auf sie wie auf blühende Blumen, die ihrer Reize noch unbewußt, aber schon wonnig und vielleicht instinktiv fühlen, daß sie reizvoll sind, — daß sich in ihnen ein Geheimnis erfüllt, eine unerklärliche Macht von ihnen ausgeht, durch die sie wertvoll und begehrenswert sind.
Ihr Verhalten Tom gegenüber änderte sich vollständig. Früher waren sie zwei Dienerinnen, zwei kleine Schmetterlinge, die um seinen hellen Kopf herumflatterten, nur die Gelegenheit suchend, ihm zu gefallen oder ihm nützlich zu sein. Er dagegen, seine große Übermacht über die Schwestern fühlend, hielt dieses Verhalten der Mädchen ihm gegenüber für etwas ganz Natürliches. Er machte sich auch nicht viel aus ihnen, und wenn er wirklich einmal in einer zärtlichen Anwandlung die üppigen weichen Haare einer der Schwestern streichelte oder gar küßte, so tat er dies immer mit der herablassenden Miene eines gütigen Herrschers, der die Anhänglichkeit seiner Untertanen zu belohnen geruht, aber auch dafür Sorge trägt, daß sie nicht etwa durch zu viele Beweise seiner Gunst und Zufriedenheit übermütig werden. Dieses Verhältnis Toms zu den Schwestern empfand ich oft peinlich und unangenehm und ich ermahnte den Knaben wiederholt, wenn ich sah, daß er den Schwestern gegenüber egoistisch und rücksichtslos war und dafür von ihnen noch verlangte, daß sie ihn lieben sollten. Ich ahnte nicht, daß sich das, für eine gewisse Zeit wenigstens, vollständig ändern würde.
Bald begannen nämlich die Mädchen ihren Stiefbruder zu meiden und in ihren Liebesäußerungen zurückhaltender zu sein. Manchmal nur, wenn er es nicht sah, blickten sie heimlich und verstohlen nach ihm und erröteten, wenn er sich ihnen näherte. Im Verhältnis wie sie Tom gegenüber kühler wurden, wuchs ihre Herzlichkeit untereinander.
Diese Veränderung ging so schnell und unmerklich vor sich, daß ich mir, als ich sie bemerkte, nicht klar darüber war, wie und wann sie eigentlich begonnen hatte. Nur das eine fühlte ich, wenn ich diese drei ... die noch Kinder waren, nach irdischen Begriffen urteilend, betrachtete, daß sich hier vor meinen Augen eine vollständige Umwälzung vollzog, von der Natur, die zeugen will, bewirkt, obwohl sie sich später an den Werkzeugen und Werken ihres eigenen Willens grausam rächen sollte.
Das waren keine Geschwister mehr: das waren zwei Frauen und ein Mann ... Sie selbst verstanden das natürlich noch nicht. Tom bemühte sich mit den Schwestern wie früher zu verfahren, aber es wurde ihm immer schwerer den rechten Ton zu finden. Er verlor die Sicherheit und wurde verwirrt in ihrer Gesellschaft. Diese stillen, schmächtigen Mädchen hatten jetzt entschieden das Übergewicht über den zukünftigen Herrscher der Mondwelt erlangt. Jetzt diente er ihnen, statt sie als Dienerinnen zu benützen. Er brachte ihnen Nahrung, kümmerte sich um ihre Bekleidung, ihre Bequemlichkeiten und Zerstreuungen; er sammelte bunte Muscheln und Bernstein für sie, die sie sich dann in die Haare flochten, oder fuhr sie zu schönen Tageszeiten im Kahn aufs Meer hinaus. An diesen Ausflügen nahm ich gewöhnlich teil, denn, es ist seltsam, die Mädchen, die mit Tom erzogen waren und bisher die ganzen Tage mit ihm verbracht hatten, wollten durchaus nicht mehr allein mit ihm sein. Manchmal schlug ich Tom vor, mich, weil ich stärker und erfahrener war, rudern zu lassen, aber er ließ es nie zu. Ich bemerkte wohl, daß ihm nicht daran lag, mich zu schonen, sondern vielmehr sich vor seinen Schwestern in seinen Kraftleistungen und in seiner Geschicklichkeit zu zeigen.
Eine uralte, ewig neue Komödie spielte sich vor mir ab, und ich sah ihr gerne zu. Es schien mir, daß ich drei Vögel vor mir habe und meine Hand auf ihre pochenden Herzen halte; ich weiß genau, wie diese Herzen schlagen: und verstehe sogar, was sie selbst noch nicht verstehen. Ich glaube, daß dies die einzige Zeit seit Marthas Tod war, wo ich mich fast glücklich fühlte.
Von diesen Kindern, in denen sich das große Geheimnis des Lebens und der Liebe vollzog, wehte es zu mir wie frische Frühlingsluft. Und das sind heute schon alte Erinnerungen! Voll Rührung rufe ich sie mir ins Gedächtnis zurück, denn ich habe auf diesem Globus nicht viel Tage erlebt, an die ich mich mit Freude und ohne Schmerz erinnern könnte. Nur eins — und das ist wieder die furchtbare Ironie des Lebens! Die Liebe Toms zu Lilli und Rosa, denn beide liebte er gleich, deren Anblick mein Herz höher schlagen ließ und neu belebte, brachte auch dieser Welt das degenerierte Geschlecht, mit dem sich nun langsam die Gegend der Warmen Teiche bevölkert.
So oft mir das in den Sinn kommt, schüttle ich mich, als wenn ich in einem Rosenkorb plötzlich ekelhafte Würmer gefunden hätte.
Übrigens bin ich vielleicht ungerecht diesen Zwergen gegenüber. Sie sind vor allem arm, so arm, daß mein ganzes Inneres sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ich sie nur ansehe. Tom stand himmelhoch über ihnen. Oft denke ich an seine zarte, schmiegsame Gestalt ... Er war energisch und verständig und hatte in den Augen noch das, was ich vergebens in den Blicken seiner Kinder suche: die Seele.
Das alles ist so schmerzlich für mich, daß es mir fast schwer fällt, es niederzuschreiben.