Und warum mußte es so geschehen und nicht anders? Eine schwerwiegende Frage, auf die es keine Antwort gibt! Weil wir hierhergekommen waren, weil Tomas starb und Martha mit uns beiden zurückließ, weil ich auf sie verzichtet habe, obwohl ich ihrem Herzen näher stand, weil sie gestorben ist und ich leben blieb, das heißt, immer diese eiserne, unerbittliche Notwendigkeit, die die Sterne leuchten läßt und wieder auslöscht und sich um die Wünsche und das Glück des Menschen kümmert wie der Wind um ein Körnchen des Sandmeeres, das er davonträgt.
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Ich lese, was ich auf diesen Blättern in der letzten Nacht niedergeschrieben habe und frage mich unwillkürlich, warum und für wen ich das niederschreibe ...
Damals, als ich die Erlebnisse während der Fahrt durch die öde Wüste notierte, als ich unsere ersten Jahre auf dem Monde beschrieb, dachte ich, daß ich dieses Tagebuch den Mondvölkern zurücklassen würde, damit ihre künftigen Geschlechter erfahren, wie wir hierhergelangt und was wir alles erdulden und durchkämpfen mußten, bis es uns gelungen ist, erträgliche Lebensbedingungen zu finden. Aber heute ... Das ist doch lächerlich — dieser Gedanke! Die Mondvölker, so wie sie sind, werden das niemals lesen. Und ich will nicht einmal, daß sie es lesen sollen. Was geht das sie an? Was gehen sie meine Erlebnisse, Gefühle, Schmerzen an? Könnten sie sie verstehen? Würden sie in diesen Blättern etwas mehr als eine phantastische und für sie unklare Erzählung erblicken? Und übrigens, warum sollen sie, wenn sie es begreifen könnten, wissen, daß sie degenerierte Nachkommen einer erhabenen Rasse sind, die mit ihrem Geiste über ein fernes und schönes Gestirn herrscht? Von dem Tage an, wo sie das erfahren würden, könnten sie nur noch Sehnsucht, Scham und Schmerz empfinden, so wie ich, wenn ich sie betrachte. Möge denn die hiesige Menschheit lieber gänzlich vergessen, was sie einst auf einem anderen Planeten gewesen ist und von keiner „metaphysischen Sehnsucht“ gequält werden.
Heute schreibe ich dieses Tagebuch so recht eigentlich nur für mich. Wenn ich davon träumen dürfte, es durch irgendein Wunder auf die Erde zu befördern, würde ich es wie einen Brief an meine früheren Brüder richten und auf jeder Seite die blühenden Fluren grüßen und segnen; die Getreidefelder, Blumen und Früchte, die Wälder und Gärten, die Menschen und Tiere und alles, alles, was mir in der Erinnerung so namenlos teuer ist!
Aber ich weiß nur zu gut, daß dies niemals geschehen wird, daß ich nicht ein einziges kleines Wort auf die Erde schicken kann, zu der ich mich nur in Gedanken und mit den Augen erhebe, wenn ich manchmal, von der Sehnsucht getrieben, nach dem Polarlande pilgere, um meine über den Wüsten leuchtende Heimat zu sehen.
Ich schreibe also für mich, ich plaudere mit mir selbst wie alle Greise. Und wenn es mir hier und da gelingt, mich für einen Augenblick der Täuschung hinzugeben, daß ich das alles den Menschen mitteile, die auf der Erde geblieben sind, dann schlägt mein Herz schneller und meine Augen leuchten, denn es scheint mir, daß ich einen Faden spinne zwischen mir und diesem Hunderttausende von Kilometern entfernten heimatlichen Planeten!
Dann möchte ich gern die kleinsten Einzelheiten aus meinem armen Leben hier erzählen, meine Gedanken beichten und meine Schmerzen klagen und über die seltenen kurzen Freuden Bericht erstatten ...
Ach ... dieser Freuden gab es wahrlich nicht viele!
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